Prof. Emil Beutinger

Verfolgung
16.03.1933
Beutinger wird aus politischen Gründen als Oberbürgermeister von Heilbronn ersetzt. Der Gemeinderat wählt am 16. März 1933 das NSDAP-Mitglied Heinrich Gültig zu seinem Nachfolger. (Beutinger selbst kann an der Gemeinderatssitzung nicht teilnehmen, da er krank ist. Weitere sozialdemokratische, kommunistische und NS-kritische Gemeinderatsmitglieder können ebenfalls nicht an der Sitzung teilnehmen, da sie eingeschüchtert oder verhaftet wurden.)
11.04.1933
Beutinger ist Mitglied der Aufsichtsräte des Salzwerks Heilbronn, des Zementwerks Lauffen und der Straßenbahn A.G. Heilbronn. Am 11. April 1933 wird gegen ihn ein Untersuchungsverfahren eingeleitet wegen des Verdachts der Veruntreuung von Aufsichtsratsvergütungen. Am 24. April 1933 wird Beutinger suspendiert. Am 22. Juni 1933 wird er vom Landgericht Heilbronn freigesprochen.
22.06.1933
Als Reaktion auf Beutingers Freispruch überfallen 27 SA-Männer am 22. Juni 1933 sein Haus im Gemmingstal. Beutinger kann durch ein Fenster fliehen, er erleidet jedoch einen Nervenzusammenbruch. Sein Wohnhaus und die Einrichtung werden schwer beschädigt. Gegen die Täter wird ein Untersuchungsverfahren eingeleitet, das jedoch auf Anordnung des württembergischen Reichsstatthalters und NS-Gauleiters Wilhelm Murr eingestellt wird. Erst 1949 kommt es zu einem Prozess gegen die noch lebenden Täter.
26.07.1933
Beutinger wird am 26. Juli 1933 auf Grundlage des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums gegen seinen Willen in den Ruhestand versetzt.
November 1938
Gegen Beutinger wird im November 1938 ein Strafverfahren eingeleitet, weil er als Architekt für jüdische Auftraggeber gearbeitet hatte. Das Verfahren wird 1939 ergebnislos eingestellt. (Unter anderem wurde Beutinger vorgeworfen, einen neuen Anstrich der Heilbronner Synagoge besorgt zu haben. Der Anstrich war jedoch von den zuständigen Behörden genehmigt worden.)
Biografie
Sohn eines Graveurs
Realschule in Heilbronn
Lehre zum Steinmetz
Studium der Architektur an der Baugewerbe- und Kunstschule in Stuttgart, an der Technischen Hochschule Darmstadt und in Berlin
Beutinger gründet zusammen mit Adolf Steiner das Architekturbüro Beutinger & Steiner. Die Partner bauen zahlreiche Wohnhäuser, Geschäftshäuser, Fabrikgebäude, Schulen und Verwaltungsbauten in Heilbronn und Umgebung.
Beutinger verfasst Bücher über Bauplanung und Baukalkulation. Er ist außerdem Herausgeber der Zeitschrift »Der Industriebau«.
1903
Dozent und stellvertretender Direktor an der Gewerbeschule in Darmstadt
1913
Direktor der Kunstgewerbeschule Wiesbaden
1921
Oberbürgermeister von Heilbronn, gewählt mit der Unterstützung der SPD
nach 1934
Erneute Tätigkeit als Architekt
April 1945
Erneut Oberbürgermeister von Heilbronn, zusätzlich Chef der städtischen Polizei und Landrat
Dezember 1947
Stadtrat von Heilbronn
Rezeption
1955
Ehrenbürger der Stadt Heilbronn
Namenspatron der Beutingerstraße in Heilbronn
Literatur
Susanne Schlösser: Chronik der Stadt Heilbronn 1933-1939, 4, Heilbronn 2001, S. XXVIII, XIX, XXXVII, 1, 10-11, 19, 22, 33, 365, 416.
Susanne Schlösser: Die Heilbronner NSDAP und ihre »Führer«. Eine Bestandsaufnahme zur nationalsozialistischen Personalpolitik auf lokaler Ebene und ihren Auswirkungen »vor Ort«, in: Heilbronnica, 2, 2003, S. 288.
Weik 2003, S. 21.
Susanne Schlösser: Chronik der Stadt Heilbronn 1939-1945, 5, Heilbronn 2004, S. 560-565.
Michael Kitzing: Emil Beutinger in: Baden-Württembergische Biographien, 6, 2016, S. 33-36.