27. November 2025

Laudatio für Bundespräsident a.D. Joachim Gauck zur Verleihung des Hanns Martin Schleyer-Preises

Landtagspräsidentin Aras bei ihrer Laudatio am Redepult

„Wer Ja sagt zu seiner Freiheit, 

wer sie nicht nur will, sondern lebt, 

dem fließen Kräfte zu, die ihn und die Welt ändern.“

 

Sehr verehrter Herr Bundespräsident a.D.,

lieber Joachim Gauck,

dieser Satz stammt von Ihnen. Und er steht exemplarisch für Ihr Wirken, für das Sie heute ausgezeichnet werden. Dazu gratuliere ich Ihnen von Herzen. Es ist mir eine Ehre, dass Sie mich gebeten haben, die Laudatio auf Sie zu halten.

Wir beide kennen uns noch gar nicht so lange. Aber da war sofort Verbundenheit. Weil wir wussten, dass diese Begegnung – mit unseren Biografien, mit unseren Ämtern, in Anbetracht der Geschichte unseres Landes – ein halbes Wunder ist. Dass wir dieses Erlebnis der Freiheit verdanken, die uns beiden nicht in die Wiege gelegt war. Und weil wir beide das Wunder namens Demokratie bewahren wollen. Wir wissen jeweils, wie es ist, ohne Freiheit zu leben. Und wie es war, plötzlich schockverliebt in die Demokratie zu sein. 

Diese Liebe zur Freiheit und zur Demokratie verkörpern Sie seit Jahrzehnten. Und daraus speist sich seit jeher Ihr Tun.

 

„Es hätte auch anders laufen können“, haben Sie in einem Interview mal gesagt, über Ihren Lebensweg in der DDR.

Anders, das hieße: ohne den Mut zur Meinung. Ohne den Willen zum Widerstand. Ohne Ihren Glauben als inneren Kompass. Und ohne die Überzeugung, dass da ein systematisches Unrecht geschieht; und es falsch wäre, sich damit gemein zu machen. 

Es hätte auch anders laufen können. Ist es aber zum Glück nicht! 

Dass es so kommt, wie es kommt, daran haben immer auch die Menschen um uns herum einen großen Anteil: Gleichgesinnte und Gefährten. Verbündete und Vorbilder. Oder, wie bei uns beiden, starke Mütter.

Aber es kommt auch darauf an, die Chancen des Schicksals zu nutzen. Und das haben Sie getan. Sie haben Ja zur Freiheit gesagt!

So wurden Sie zu einer Stimme des Widerstands, die kritische Töne anschlägt, den Menschen Mut zuspricht und kämpferische Lieder singt. Wie von Wolf Biermann:

Warte nicht auf bessre Zeiten / Warte nicht mit deinem Mut“.

So wurden Sie zu einem Mitgestalter des Wandels, der an Gerechtigkeit glaubt, der den Angstmachern die Stirn bietet – und eines Tages, als die Mauer fällt, vor purem Glück weint.

So wurden Sie zu dem Menschen, der Sie sind: ein Advokat der Zuversicht. Und ein Glücksfall für uns alle.

 

Die friedliche Revolution in der DDR war in der Geschichte einzigartig.

Neu war auch, dass eine Diktatur endet und die politische, historische und rechtliche Aufarbeitung direkt beginnt; mit der Aufarbeitung der Stasi-Verbrechen. Menschen wie Sie haben dafür gesorgt, dass ein Großteil der Akten erhalten blieb. Und dass die Akten für die Aufklärung von Unrecht und Unterdrückung offengelegt wurden: Das war maßgeblich auch Ihr Verdienst! Ihrer Einschätzung nach war dies Ihre „wichtigste politische Tat“.

Auch in Bezug auf die NS-Zeit haben Sie immer wieder deutlich gemacht, was es auch nach 80 Jahren noch zu betonen gilt: Ein Schlussstrich unter die Vergangenheit ist nicht möglich – und die Forderung danach ist unverantwortlich!

Mit Ihrer Klarsicht, Ihrer Klarheit, und Ihrer unerschütterlichen Haltung prägen Sie seither maßgeblich die deutsche Erinnerungskultur. Das zeigt sich auch in Ihrem Engagement als langjähriger Vorsitzender und Ehrenvorsitzender des Vereins „Gegen das Vergessen – für Demokratie“ und als Vorstandsmitglied der Margot Friedländer Stiftung. 

Ihre Arbeit prägt das Erinnern. Und das Erinnern Ihre Arbeit.

Was mich dabei zutiefst beeindruckt ist, dass Sie nicht nur mahnen, sondern auch ermuntern. Ermutigen. Und zuhören. Dass Sie den Menschen sehen: seine Bedürfnisse und Sorgen, seine Freuden und Hoffnungen.

Als Sie 2012 vom Staatsbürger zum Staatsoberhaupt wurden, haben Sie erneut Geschichte geschrieben: als erster Parteiloser und erster Ostdeutscher im Amt des Bundespräsidenten. Ich persönlich habe großes Glück verspürt, dass mit Ihnen und mit Frau Bundeskanzlerin Merkel zwei Menschen aus Ostdeutschland an der Spitze unseres wiedervereinigten Landes standen. Auch das: ein kleines Demokratiewunder.

Mit Ihren differenzierten Analysen bereichern und weiten Sie den Diskurs unseres Landes. Sie legen dar, dass Demokratie gelernt und geübt sein muss. Und wie nachhaltig es schadet, wenn ein Regime, wie in der DDR, jede Mitbestimmung systematisch unterdrückt. Diese Botschaft gilt weit über unser Land hinaus. Sie gilt für die ganze Welt! 

Sie beziehen vehement Stellung gegen den Antisemitismus im Land – klar, deutlich, unmissverständlich. Ihrem jüngsten Kommentar, dass der Antisemitismus aus muslimischen und linken Kreisen lange unterschätzt worden ist, stimme ich voll zu. Dass andere Kommentatoren, insbesondere vom rechten Rand, daraus infamerweise eine Debatte spinnen wollten, welcher Antisemitismus nun der gefährlichste sei, ändert daran nichts. Denn jeder Antisemitismus und jede Menschenfeindlichkeit – egal ob von rechts, links oder religiös aufgeladen – ist ein Angriff auf uns alle und mit allen Mitteln des Rechtsstaates zu bekämpfen! Und das war ja auch der Kern Ihrer Aussage.

Diese Fähigkeit des Differenzierens braucht es in unserem Land unbedingt – weil unser Land voller Umbrüche und Ambivalenz ist. 

In unserer Welt, in unserer brüchigen, teils unverständlichen und verunsicherten Welt, in der es – dem Zukunftsforscher Jamain Cascio zufolge – kein Gesetz von Ursache und Wirkung mehr gibt – in dieser Welt brauchen wir, lieber Joachim Gauck, Ihre Fähigkeit zu Erinnern genauso wie Ihre Gabe, die Schattierungen der Welt auszuhalten und auseinanderzuhalten.

Sie sind als politische Figur – im besten Sinne – unbequem. Aber nie unbedacht. Streitbar, aber nicht streitsüchtig. Überparteilich, aber nicht unparteiisch. Sie machen sich verwundbar, ohne andere zu verletzen. Die einen finden Sie zu links und andere nicht links genug. Aber Sie lassen sich nun mal in keine Schublade einsortieren, noch für eine Seite einspannen oder verbiegen. 

Wer Sie um Rat bittet, darf nicht nur mit Zustimmung rechnen. Sie sind ehrlich und reden den Menschen nicht nach dem Mund. Oder wie die taz Sie beschreibt: „Gute Präsidenten sind schlechte Schleimer“!

Und so füllen Sie Ihr Amt mit Haltung aus, statt mit Enthaltung. Sie verstehen sich mehr als Staatsbürger und weniger als Politiker, aber eigentlich zeigen Sie, dass das kein Widerspruch ist! Ihr Rollenverständnis hat auf jeden Fall dazu geführt, dass Sie den Mitmenschen auf Augenhöhe begegnen. Mit einem kritischen Blick, ja, aber auch mit einem gütigen: ein Bürgerrechtler, der auch an Bürgerpflichten erinnert.

Zur Freiheit Ja zu sagen, sie nicht nur zu wollen, sondern auch zu leben: Dazu laden Sie uns ein. Sie verstehen die Ohnmachtsgefühle, die viele empfinden. Aber erinnern daran, dass es in der Demokratie keine Ohnmächtigen gibt. Macht kommt von Machen. Von der Möglichkeit des Mitgestaltens. Darin besteht ja der Sinn von Demokratien!

Kaum ein Redner vermag es wie Sie, den Menschen das Gefühl zu geben: ‚Jede und jeder Einzelne von uns wird gebraucht! Fassen wir uns ein Herz, bringen wir uns ein! Weil wir keine Zaungäste unserer Zeit sind, sondern die Zukunft gestalten können!‘

Ihnen gelingt es, das präsidiale Machtwort in Einklang zu bringen mit pastoraler Wortmacht. Und diese Gabe nutzen Sie, um hinzuweisen auf das Gelingende und Gelungene. 

Ich sage immer: Mitmachen kann Mut machen. Und Sie sind einer der größten Mutmacher, die unser Land kennt.

Lieber Joachim Gauck, wie eine Art Seismograph unserer Gesellschaft zeichnen Sie die Erschütterungen unserer Gegenwart nach. Aber zugleich ergründen Sie ihre Epizentren; zeigen auf, was uns Halt gibt, und wie wir uns zur Wehr setzen können gegen das, was unsere Freiheit bedroht.

Schon vor über zehn Jahren haben Sie den Wert betont, den auch militärische Wehrhaftigkeit für die Demokratie hat. Lange also, bevor es viele andere taten. Und unter großer Kritik.

Sie würden im Notfall auch persönlich zur Waffe greifen, sagten Sie, als die russische Vollinvasion der Ukraine begann. So ein Statement von jemandem, der Friedensgebete spricht, mag zunächst verwundern. 

Aber bei näherer Betrachtung beweist es nur, dass Sie es ernst meinen mit der Freiheit. Und dass Sie bereit sind, alles dafür zu geben. Auch das verbindet uns.

Meine Damen und Herren,

furchtlos zu sein, wehrhaft zu sein: Das braucht es in allen Bereichen. Nicht nur im Militär, sondern auch in der Zivilgesellschaft, und nicht zuletzt in der Wirtschaft. Das ist auch deshalb hervorzuheben, weil es manchen Akteuren profitabel erscheint, die Abgrenzung zu Demokratiefeinden abzubauen. 

Die Behauptung, die ‚Brandmauer‘ sei unbrauchbar, ist falsch.  Und die Argumentation, Demokratieverächter einbinden, einhegen und damit „entzaubern“ zu wollen, ist geschichtsvergessen und riskant. Es wäre nicht nur wirtschaftlich fatal, sondern es bringt auch viele Menschen in diesem Land in große Gefahr.

Ja, zur Wehrhaftigkeit gehört, dass wir alle für die Demokratie einstehen und Haltung zeigen. Besonders wir hier im Saal, die durchaus Einfluss haben!

Und Sie, lieber Joachim Gauck, sind uns dabei ein Vorbild.

„Wartet nicht auf bessre Zeiten / Wartet nicht mit eurem Mut.“

Eigentlich haben Sie nie aufgehört, kämpferische Lieder zu singen – nur, dass sie nicht mehr in Gottesdiensten erklingen, sondern im ganzen Land.

Sie sind eine der bedeutsamsten Stimmen in der deutschen Geschichte und Gegenwart. Und für mich auch eine der klügsten, humorvollsten, herzlichsten und verbindlichsten Stimmen, die Orientierung geben.

 

Lieber Joachim Gauck: Deinem Ja zur Freiheit verdanken wir unendlich viel.