Was tun, wenn der Rhein zur Rinne wird?

Der niedrige Rhein wird bei Kaub zum Engpass.
Boris Roessler/dpa
Kann man verhindern, dass der Rhein bei großer Trockenheit immer weniger Wasser führt? Reicht es, die Fahrrinne für Schiffe zu vertiefen? Fachleute sehen nicht die eine Lösung gegen Niedrigwasser und seine Folgen. Was sie empfehlen, wie Deutschland zukünftig mit dem Thema Niedrigwasser umgehen sollte – und wovor sie warnen.
Lässt sich Niedrigwasser überhaupt verhindern?
Die kurze Antwort der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) lautet: Nein. Extreme Niedrigwasserereignisse werde es auch künftig geben, sagt BfG-Experte Enno Nilson. «Hydrologische Extremereignisse waren und sind unter allen zukünftigen Entwicklungen möglich und werden eintreten», erklärt er. Das gelte für Hoch- wie für Niedrigwasser.
Mit dem fortschreitenden Klimawandel gehe einher, dass Niedrigwassersituationen in ihrer Intensität und Dauer zunehmen. «Naheliegenderweise und bekanntermaßen besteht somit eine Möglichkeit zur Eindämmung der Niedrigwasserproblematik darin, den Klimawandel mit Klimaschutzmaßnahmen einzudämmen», folgert Nilson.
Kann man mehr Wasser für trockene Zeiten speichern?
Genau darin sieht die BfG einen wichtigen Ansatz. Wasser könnte stärker gespeichert werden, damit es in trockenen Monaten länger zur Verfügung steht. Denn: Den Experten zufolge ändert sich die gesamte Wasserressource, die Deutschland pro Jahr zur Verfügung steht, kaum - sie könnte sogar leicht zunehmen. «Sommerliche Abnahmen werden - auch unter Annahme von Hochemissionsszenarien - durch winterliche Zunahmen im Jahresmittel kompensiert», erklärt Nilson.
Wasser könne in technischen Speichern eingelagert und damit «zeitlich umverlagert» werden, so der Experte. Das ginge zum Beispiel mit Stauseen. Das sei auch deshalb wichtig, weil andere Wasserspeicher, wie beispielsweise Eis und Schnee, aufgrund der steigenden Lufttemperaturen langfristig kleiner werden beziehungsweise ganz verloren gehen könnten.
Möglich seien aber auch natürliche Lösungen, etwa mehr Wasser im Boden zu halten. Wie sogenannte «Schwammlandschaften» konkret wirken können, ist nach Angaben der BfG noch Gegenstand von Forschungsarbeiten.
Was können natürliche Flächen bringen?
Auen, Seitenarme und andere natürliche Flächen können nach Ansicht des Naturschutzbunds Nabu eine wichtige Rolle spielen. «Intakte Ökosysteme wirken wie ein Schwamm. Sie halten Wasser zurück und geben es in Trockenzeiten langsam wieder ab», erklärt Nabu-Pressesprecher Jérôme Lombard.
Dafür sollten Flüsse wieder mehr Raum bekommen, Flussläufe renaturiert werden, Auen erneut angebunden und Moore geschützt werden. «Das macht Flüsse und Landschaften widerstandsfähiger gegenüber den Folgen der Klimakrise», so Lombard.
Der Nabu sieht in der aktuellen Krise auch einen Zusammenhang mit früheren Eingriffen. Flüsse seien über Jahrzehnte vor allem als Verkehrswege betrachtet und technisch für den Wasserabfluss und die Schifffahrt optimiert worden. Gleichzeitig seien Moore entwässert, Böden versiegelt und natürliche Wasserspeicher zerstört worden.
Helfen tiefere Fahrrinnen?
Für die Schifffahrt: rechnerisch ja. Gegen das Niedrigwasser selbst: wohl kaum.
Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) fordert unter anderem eine Verbesserung der Fahrrinne am Mittelrhein. Diese sei bereits nach dem Niedrigwasserjahr 2018 in einem Aktionsplan von Bund, Schifffahrt und Industrie festgehalten worden.
Zwischen St. Goar und Budenheim sollte die Fahrrinne demnach um 20 Zentimeter optimiert werden. Der Abschnitt gilt nach Angaben des Verbandes als Engpass für die Schifffahrt. Das könnte bei niedrigen Wasserständen einen konkreten Vorteil bringen: Nach Angaben des BDB könnten Binnenschiffe dort rund 200 bis 250 Tonnen mehr Ladung aufnehmen. Die Planungen liefen, im Bau sei die Verbesserung aber noch nicht.
Der Nabu sieht die Ausbaupläne mitunter kritisch: «Tiefere Fahrrinnen sorgen nicht für mehr Wasser im Fluss und sind keine kluge Lösung», sagt der Sprecher. Demnach würden Vertiefungen die ökologischen Probleme der Flüsse verschärfen. «Wird die Strömung auf eine kleinere Rinne konzentriert, kann dies die Tiefenerosion verstärken und eine weitere Selbsteintiefung des Flussbetts auslösen», schreibt der Naturschutzbund in einer Mitteilung. Dadurch könnten sich Grundwasserstände absenken und die Verbindung zwischen Fluss und Auen weiter verschlechtern.
Geht nur Naturschutz oder Schifffahrt?
Aus Sicht des Nabus sind Naturschutz und Schifffahrt keine Gegensätze. Auch die Wirtschaft sei auf stabile und funktionsfähige Flüsse angewiesen. «Der Klimawandel zeigt aber, dass wir die natürlichen Grenzen unserer Gewässer stärker berücksichtigen müssen», sagt der Sprecher. Eine nachhaltige Wasserpolitik dürfe deshalb nicht nur auf technische Anpassungen setzen, sondern müsse die Widerstandsfähigkeit der Flüsse insgesamt stärken.
Was kann die Schifffahrt selbst tun?
Seit dem Niedrigwasserjahr 2018 sind nach Angaben des BDB mehr niedrigwasseroptimierte Schiffe unterwegs. Sie haben weniger Tiefgang und können deshalb auch bei niedrigeren Wasserständen fahren.
So hat beispielsweise der Chemiekonzern BASF das Spezialschiff «Stolt» mit 135 Metern Länge und 17,5 Metern Breite angeschafft. Bei mittlerem Niedrigwasser liegt die Transportkapazität nach Angaben des Unternehmens mit rund 2500 Tonnen doppelt so hoch wie die konventioneller Binnenschiffe.
Der BDB fordert, den Umbau von Schiffen weiter zu fördern. Ein entsprechendes Förderprogramm des Bundesverkehrsministeriums müsse erhalten bleiben. Der Verband kritisiert geplante Kürzungen der dafür vorgesehenen Mittel ab 2027.
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