Joseph (Karl) Wirth

Verfolgung
1933
Um einer Verhaftung zu entgehen, emigriert Wirth am 24. März 1933 zunächst nach Wien. Er reist in den folgenden Jahren durch zahlreiche Staaten, unter anderem Frankreich, Italien, Großbritannien und die USA, um Vorträge zu halten und über den totalitären Charakter des NS-Regimes aufzuklären. 1935 lässt sich Wirth in Paris nieder. 1939 nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geht er nach Luzern in der Schweiz, wo er bis 1948 lebt.
nach März 1933
Nach Wirths Emigration durchsuchen und beschlagnahmen die NS-Behörden dessen Berliner und Freiburger Wohnungen.
Oktober 1933
Im Oktober 1933 werden Wirth durch eine Verfügung des Reichsinnenministers Wilhelm Frick seine Übergangsgelder als Reichskanzler und Reichsminister entzogen und nicht mehr ausbezahlt.
März 1943
Wirth unterhält 1942/43 Kontakte zur amerikanischen Nachrichtenzentrale in Bern. Die NS-Behörden leiten aufgrund dessen im März 1943 ein Ausbürgerungsverfahren gegen Wirth ein.
Biografie
Sohn eines Maschinensetzers
Studium der Sozialökonomie und der Mathematik an der Universität Freiburg
1906
Promotion in Mathematik
1908
Professur am Realgymnasium in Freiburg
1909
Gründung des Vinzenzvereins (katholische Organisation zur Hilfe sozial Benachteiligter)
1909
Eintritt in die Zentrumspartei
1912
Stadtverordneter in Freiburg
1913
Mitglied der badischen Ständeversammlung
1914
Freiwillige Meldung zum Ersten Weltkrieg, aber ausgemustert, daher Eintritt in das Deutsches Rote Kreuz, dort Krankenpfleger
1914
Mitglied des Reichstags
1918
Badischer Finanzminister
1920
Reichsfinanzminister
1921
Reichskanzler
1922
Ausarbeitung und Abschluss des Vertrags von Rapallo mit Russland
Herausgeber der Zeitung »Deutsche Republik«
1929
Reichsminister für die besetzten Gebiete
1930
Reichsinnenminister
März 1933
Emigration nach Wien
1935
Übersiedelung nach Paris
1937
Initiator der Denkschrift »Die Kirche Christi und die Judenfrage« (Aufruf an den Papst zu einer Stellungnahme gegen die Judenverfolgung)
1939
Übersiedelung nach Luzern in die Schweiz
nach 1940
Während des Zweiten Weltkrieges Kontakte zu den Widerstandsgruppen Solf-Kreis und Kreisauer Kreis
1945
Mitglied der Arbeitsgemeinschaft »Das Demokratische Deutschland« (entwirft Grundsätze für einen demokratischen und föderalistischen Wiederaufbau Deutschlands)
1945
Gründer der Katholischen Deutschen Hilfe (Hilfsorganisation in der Schweiz zur Unterstützung der notleidenden deutschen Bevölkerung)
1948
Rückkehr nach Deutschland und Niederlassung in Freiburg
1953
Mitbegründer der »Deutschen Volkszeitung«
1953
Mitbegründer und Vorsitzender des Bunds der Deutschen für Einheit, Frieden und Freiheit (BdD)
1955
Engagement gegen den Aufbau der Bundeswehr und gegen den NATO-Beitritt der Bundesrepublik Deutschland
Rezeption
1954
Deutsche Friedensmedaille der DDR
1955
Stalin-Friedenspreis
1955
Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität in Ostberlin
Literatur
Gernot Erler (Hrsg.): Die unterlassene Ehrung des Reichskanzlers Joseph Wirth. Blüten eines provinziellen Antikommunismus, Freiburg im Breisgau 1980.
Thomas Knapp: Joseph Karl Wirth, in: Badische Biographische Biographien, 1, 1982, S. 273-277.
Schumacher 1991, S. 623-625.
Georg Herbstritt: Ein Weg der Verständigung? Die umstrittene Deutschland- und Ostpolitik des Reichskanzlers a. D. Dr. Joseph Wirth in der Zeit des Kalten Krieges 1945/51-1955, Frankfurt am Main 1993.
Michael Kißener: Für das Recht. Die Karlsruher Widerstandsgruppe um Reinhold Frank, in: 20. Juli 1944 in Baden und Württemberg, hrsg. von Rudolf Lill, Konstanz 1994, S. 43.
Heinrich Küppers: Joseph Wirth. Parlamentarier, Minister und Kanzler der Weimarer Republik. Stuttgart 1997.
Ulrike Hörster-Philipps: Joseph Wirth 1879-1956. Eine politische Biographie, Freiburg 1998.
Ulrike Hörster-Philipps: Joseph Wirth, in: Politische Köpfe aus Südwestdeutschland, hrsg. von Reinhold Weber, Ines Mayer, Stuttgart 2005, S. 116-125.
Bernd Braun: Die Reichskanzler der Weimarer Republik. Zwölf Lebensläufe in Bildern, Düsseldorf 2011, S. 202-235.