Dr. Paul Zürcher

Verfolgung
Sommer 1935
Zürcher ist Amtsgerichtsrat in Freiburg. Im Sommer 1935 gibt es im badischen Justizministerium Überlegungen zu einer Strafversetzung Zürchers aus politischen Gründen. Die Versetzung wird jedoch nicht durchgeführt.
1939
1938 wird der Freiburger katholische Studentenverein Normania e. V. durch die NS-Behörden aufgelöst. Zürcher ist als Registerrichter für die formale Liquidation des Vereins im Vereinsregister zuständig. Trotz erheblichen Drucks seitens der NSDAP und seiner Vorgesetzten weigert sich Zürcher 1939/40 jedoch, die Liquidation vorzunehmen, da die Auflösung des Vereins gesetzwidrig von der Gestapo durchgeführt wurde.
20.09.1944
Zürcher wird vermutlich aus politischen Gründen am 20. September 1944 dienstverpflichtet als Rüstungsarbeiter der Firma Metz AG in Freiburg. Dort ist er bis Kriegsende 1945 tätig.
Biografie
Sohn eines Landwirts
1899
Volksschule in Sunthausen
1907
Arbeit als Hirtenjunge und Knecht auf Bauernhöfen
1908
Dienst als Hotelpage in Freiburg, Wiesbaden und Trier
1910
Angestellter im Dienst der Familie des britischen Premierministers und Außenministers Arthur James Balfour, mit der Familie Balfour in England sowie auf längeren Reisen in Frankreich, Belgien, Holland und der Schweiz
1914
Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg, eingesetzt in Nordfrankreich, an der Ostfront und im Elsass, zweimal verwundet, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse, der Badischen Verdienstmedaille, dem Frontehrenzeichen und Verwundetenabzeichen in Schwarz
1920
Studium der Rechtswissenschaft, Philosophie und Volkswirtschaft an den Universitäten Freiburg, London und Den Haag
1923
Erste juristische Staatsprüfung
1924
Promotion in Freiburg über das Thema »Die Durchsetzung anglo-amerikanischer Rechtsgedanken im Friedensvertrag vom 28. Juni 1919«
Redakteur bei der »Freiburger Tagespost« (Organ des Zentrumspartei)
1925
Zweite juristische Staatsprüfung
1927
Staatsanwalt beim Landgericht Karlsruhe mit Dienstsitz in Pforzheim
1930
Amtsgerichtsrat in St. Blasien
1932
Amtsgerichtsrat in Freiburg
1944
Dienstverpflichtet in der Rüstungsindustrie bei der Firma Metz AG in Freiburg
1945
Mitbegründer der BCSV
1945
Kommissarischer Präsident des Landgerichts Freiburg und Leiter der deutschen Justizverwaltung in der französischen Besatzungszone Baden
1946
Ministerialdirektor der Justiz in Freiburg
1948
Präsident des Oberlandesgerichts Freiburg und des Staatsgerichtshofs Baden
August 1948
Teilnahme am Verfassungskonvent auf Herrenchiemsee
Rezeption
1952
Großes Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland
Literatur
Rößler 1949, S. 97.
Karl-Heinz Knauber: Paul Zürcher, in: Badische Biographien, 2, 1985, S. 322-325.
Weik 2003, S. 162.
Anette Michel: »Der Gerechtigkeit mit Leidenschaft ergeben«, in: Badische Juristen im Widerstand 1933-1945, hrsg. von Angela Borgstedt, Konstanz 2004, S. 54-62.
Joachim Scholtyseck (Hrsg.): Die Überlebenden des deutschen Widerstandes und ihre Bedeutung für Nachkriegsdeutschland, Münster 2005, S. 121.
Alexander Hollerbach: Jurisprudenz in Freiburg. Beiträge zur Geschichte der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität, Tübingen 2007, S. 389-390.
Kühnel 2009, S. 57.
Angela Borgstedt: Paul Zürcher. Amtsgerichtsrat in Freiburg, in: Furchtlose Juristen. Richter und Staatsanwälte gegen das NS-Unrecht, hrsg. von Heiko Maas, München 2017, S. 266-277, 325-326.
Dokumente
Verzeichnis über Beamte, deren Versetzung aus dem Grenzbezirk aus pol. Gründen erforderlich ist
Im Sommer 1935 erstellte das badische Justizministerium eine Liste mit Beamten, die aus politischen Gründen strafversetzt werden sollten. Auch Paul Zürchers Name findet sich darauf. Letztlich wurde Zürchers Versetzung jedoch nicht durchgeführt.