Fritz von Graevenitz: Büste von Eugen Bolz

Büste Eugen Bolz von Fritz von Graevenitz

Fritz von Graevenitz (1892–1959)

Mit Kriegsende stand Fritz von Graevenitz vor der schwierigen Aufgabe, seine Rolle als erfolgreicher Künstler im Nationalsozialismus zu erklären. Im Entnazifizierungsverfahren 1947 wurde er von der Spruchkammer Leonberg als „vom Gesetz nicht betroffen“ eingestuft. Diese Entscheidung folgte, für die Nachwelt überraschend, seiner eigenen Darstellung: Er habe der NSDAP nie angehört und seine Ablehnung des Nationalsozialismus sowohl in Lehre als auch in Publikationen zum Ausdruck gebracht. Später steigerte er diese Selbstdarstellung sogar bis zur Behauptung einer „Widerstandstätigkeit“. Tatsächlich lassen sich für eine solche Haltung keine belastbaren Belege finden. Vielmehr zeigen Quellen, dass es ihm gelang, ein Bild der Distanz zum Regime zu etablieren, das mit seinem tatsächlichen Wirken kaum übereinstimmt.

Geboren 1892 als Sohn eines Generals, war von Graevenitz zunächst für die militärische Laufbahn vorgesehen. Die Ausbildung in Kadettenanstalten und seine Fronterfahrung im Ersten Weltkrieg prägten sein Selbstverständnis nachhaltig. Nach einer kriegsbedingten Verletzung wandte er sich der Kunst zu, blieb jedoch gedanklich eng mit soldatischen Idealen verbunden. Diese Verbindung wurde später programmatisch, etwa in seiner Schrift Kunst und Soldatentum (1940), in der er Künstler und Soldaten als gleichermaßen dem „Volk“ verpflichtete Akteure verstand.

Im Nationalsozialismus etablierte sich von Graevenitz als erfolgreicher Bildhauer und Kulturfunktionär. Obwohl er nie der NSDAP beitrat, bewegte er sich sicher innerhalb der Machtstrukturen. Bereits frühe Kontakte zu rechtsnationalistischen Organisationen wie dem „Stahlhelm“ belegen seine ideologische Nähe. Nach der Gleichschaltung und Auflösung des „Stahlhelm“ im Jahr 1934 wurde von Graevenitz – entsprechend seinem Lebensalter – der SA-Reserve II zugeordnet. Seine künstlerische Produktion blieb formal traditionell, griff jedoch wiederholt Motive auf, die mit nationalsozialistischen Vorstellungen von Kraft, Heroismus und „Volksgemeinschaft“ korrespondierten.

Ein zentrales Beispiel ist der monumentale Reichsadler für den Erich-Koch-Platz in Königsberg (1937/38), ein eindeutig politisches Symbol, das Macht und Ideologie des Regimes verkörperte. Auch Aufträge aus dem engsten Umfeld der NS-Führung belegen seine Einbindung: Für Hermann Göring schuf er 1937 eine Wisent-Plastik für dessen Landsitz Carinhall, die Teil einer ideologisch aufgeladenen Selbstinszenierung war. Ebenso porträtierte er den Sohn von Rudolf Heß, den Stellvertreter Hitlers in der Parteileitung der NSDAP. Dieses Werk, das auf der Großen Deutschen Kunstausstellung präsentiert wurde, unterstreicht die Nähe zu führenden NS-Eliten.

Seine Teilnahme an den Großen Deutschen Kunstausstellungen sowie an weiteren staatlich geförderten Präsentationen dokumentiert kontinuierliche Anerkennung im NS-Staat. Werke wie ein „Schwertträger“ (1940) entsprachen dem offiziellen Menschenbild des Regimes. Gleichzeitig zeigen seine Ausstellungen, dass er sich nicht nur opportunistisch anpasste, sondern aktiv an der kulturellen Repräsentation des Systems mitwirkte.

Besonders deutlich wird dies durch seine Stellung im Hochschulbereich. 1937 wurde er Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, 1938 deren Direktor. In dieser Funktion vertrat er ein Kunstverständnis, das die Einordnung des Künstlers in die „Volksgemeinschaft“ betonte und individuelle Experimente zugunsten kollektiver Aufgaben zurückstellte. Akademische Veranstaltungen, etwa sogenannte „Morgenfeiern“, waren in nationalsozialistische Ritualformen eingebunden. Auch ohne Parteimitgliedschaft verhielt sich von Graevenitz damit konform zu den kulturpolitischen Erwartungen des Regimes.

Seine privilegierte Position zeigt sich besonders deutlich durch seine Aufnahme in die sogenannte „Gottbegnadetenliste“ im Jahr 1944. Diese Liste umfasste jene Künstler, die das NS-Regime als unverzichtbar betrachtete und daher vom Kriegsdienst freistellte. Von Graevenitz wurde hier in eine Reihe mit Bildhauern wie Arno Breker oder Josef Thorak gestellt. Diese Einstufung dokumentiert nicht nur seine künstlerische Bedeutung, sondern auch seine politische Zuverlässigkeit aus Sicht der NS-Führung.

Die Frage nach seiner persönlichen Motivation – ob Überzeugung oder Opportunismus überwogen – bleibt offen. Unstrittig ist jedoch, dass von Graevenitz das System aktiv stützte: durch seine Kunst, durch institutionelle Leitung und durch seine Einbindung in repräsentative Projekte. Seine nachträglichen Versuche, diese Rolle umzudeuten, stehen in deutlichem Widerspruch zur Quellenlage. Gerade die Diskrepanz zwischen Selbstinszenierung nach 1945 und dokumentierter Praxis im „Dritten Reich“ macht seine Biografie zu einem aufschlussreichen Beispiel für den Umgang von Kulturschaffenden mit politischer Verantwortung im 20. Jahrhundert. Bis zu seinem Tod im Jahr 1959 lebte von Graevenitz auf der Solitude in Stuttgart und war als freischaffender Künstler tätig. Sein Direktorenamt an der Kunstakademie Stuttgart hatte er 1946 abgeben müssen, jedoch war die Nachfrage nach seinen Porträtbüsten, Tierplastiken und Gedenkzeichen ungebrochen.

 

Eugen Bolz

Text zu Eugen Bolz folgt.