Gertrud von Berg: Büste von Erich Ganzenmüller

Büste von Erich Ganzenmüller

Büste von Erich Ganzenmüller

Gertrud von Berg (*1909, Todesdatum unbekannt)

Geboren wurde Gertrud von Berg 1909 in Stuttgart-Cannstatt als Gertrud Veigel. Sie stammte aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie. Die Eltern besaßen eine Fabrik für fotografische Geräte und Messinstrumente, die in der Fahr- und Flugzeugindustrie verwendet wurden. Nach dem Besuch der Mädchenrealschule in Cannstatt, den sie 1926 mit der Mittleren Reife abschloss, wechselte sie an die Württembergische Kunstgewerbeschule Stuttgart. Dort studierte sie bis 1930 als Keramikerin. Im selben Jahr heiratete sie jedoch und schied, wie damals für eine Frau weithin üblich, ökonomisch abgesichert aus dem Berufsleben aus.

Früh verwitwet, kehrte Gertrud Reindel, geb. Veigel, 1936 an die Kunstgewerbeschule zurück. Dort wandte sie sich nun der Bildhauerei zu. Sie studierte bis Februar 1938 bei dem Bildhauer und Medailleur Alfred Lörcher, der sie entschieden förderte. Auf Anraten Lörchers wechselte sie an die Akademie der Bildenden Künste in München, wo damals die so linientreuen wie erfolgreichen Bildhauer Josef Thorak, Josef Wackerle und Bernhard Bleeker unterrichteten. Reindel setzte sich im strengen Aufnahmeverfahren durch und führte ihr Studium unter Bleeker fort, dem 1944 ein Platz auf der „Gottbegnadeten-Liste“ gesichert wurde. 

Das Thema der Porträtköpfe konnte die angehende Künstlerin bei Bleeker intensiv studieren. Gegenüber dem Neoklassizismus Bleekers zeigte Reindel aber schon früh Interesse an einer ausdruckstärkeren Behandlung der Oberfläche und einer gelängten Körperform. Als dessen Meisterschülerin erhielt sie den Staatsauftrag, den Regierungspräsidenten von Oberbayern und SS-Oberführer Heinrich Gareis zu porträtieren. Zur Ausführung kam der Auftrag jedoch nicht mehr, denn sie entschloss sich erneut zu einer Heirat, womit sie München zeitnah wieder verließ. 

Seit der Eheschließung im März 1940 mit dem Ingenieur Josef von Berg war Gertrud von Berg zunächst wieder Hausfrau. 1944 beantragte sie die Aufnahme in die Reichskulturkammer. Dieser Schritt sagt weniger etwas über ihre Gesinnung aus, sondern ist vielmehr ein Zugeständnis an das autoritäre Regime. Ohne diese Mitgliedschaft hätte sie nirgends offiziell ausstellen dürfen. Anlass für den Antrag war vermutlich ihre letzthin erfolgreiche Bewerbung um Aufnahme in die Große Deutsche Kunstausstellung in München. Dabei handelte es sich um die damals wichtigste staatlich legitimierte Schau für zeitgenössische Kunst im Deutschen Reich. Ökonomisch war von Berg wohlsituiert und auch über die Kriegsjahre hinweg unabhängig. Ihre Beteiligung an der Großen Deutschen Kunstausstellung von 1944 kann insofern nicht aus finanzieller Not erklärt werden kann. Ihre drei ausgestellten Arbeiten waren eher kleinformatig, in Sujet und Ausdruck zurückhaltend und in den weniger repräsentativen Räumen der Ausstellung platziert. Im Spruchkammerverfahren wurde von Berg im August 1946 als „entlastet“ eingestuft. 

Nach dem Krieg blieb sie als Bildhauerin tätig. Für den Landtag von Baden-Württemberg schuf sie 1982 den Porträtkopf des Landtagspräsidenten Erich Ganzenmüller. Am 8. Mai 1993 verlieh Ministerpräsident Erwin Teufel der Künstlerin die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg.

Portrait von Erich Ganzenmüller

Portrait von Erich Ganzenmüller

Erich Ganzenmüller (1914–1983)
Präsident des Landtags von Baden-Württemberg (1976–1980)

Im Mai 1945 geriet Erich Ganzenmüller, der den gesamten Krieg hindurch in der Wehrmacht gedient hatte, zuletzt als Oberleutnant und Batteriechef einer Flak-Division, in britische Kriegsgefangenschaft. Nach vier Monaten konnte er zu seiner Ehefrau und den beiden 1942 und 1944 geborenen Kindern zurückkehren. Ganzenmüllers berufliche Perspektive war die Tätigkeit als Lehrer im öffentlichen Dienst, in den er im nationalsozialistischen Deutschland nur auf Umwegen gelangt war: Er hatte eine Ausbildung zum Volksschullehrer absolviert, aber zunächst keine Festanstellung erlangt. Dies lag neben den ungünstigen Einstellungschancen im Lehrberuf vermutlich auch an seiner im Nationalsozialismus politisch verdächtigen Herkunft aus dem katholischen Milieu. Ganzenmüller absolvierte von 1933 bis 1935 ein Aufbaustudium der Kirchen- und Schulmusik. Anschließend fand er, unterbrochen durch seinen Militärdienst, Beschäftigung als Stellvertreter im Volksschuldienst an wechselnden Orten. Eine planmäßige Anstellung erreichte er erst 1943 an der Volksschule Gruibingen im Kreis Göppingen, ohne dieses Amt als Soldat antreten zu können.

Um seine Chancen für den Berufseinstieg zu verbessern, hatte Ganzenmüller nach der nationalsozialistischen Machtübernahme seine politische Anpassung durch verschiedene Mitgliedschaften dokumentiert: Er trat im Oktober 1933 in den Nationalsozialistischen Lehrerbund ein und einen Monat später in die SA. Nach Abschluss seiner militärischen Ausbildung stellte er im November 1938, im Monat der reichsweiten antijüdischen Pogrome, einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP. Ob und, wenn ja, wann er in die Partei aufgenommen wurde, ist unklar, da keine Mitgliederkarteikarte überliefert ist. Auch in seinem Militärdienst zeigte er politische Konformität: Eine in Zusammenhang mit einer Beförderung entstandene Beurteilung bescheinigte ihm, „Nationalsozialist aus Überzeugung“ zu sein.

Auf seinen Antrag auf Wiederverwendung im Schuldienst hin wurde Ganzenmüller im Oktober 1945 mit einer Vertretung an einer Stuttgarter Volksschule beauftragt, aber schon einen Monat später auf Anordnung der US-amerikanischen Militärregierung wegen mutmaßlicher NS-Belastung vom Dienst suspendiert. In seinem im April 1946 begonnenen Entnazifizierungsverfahren trug Ganzenmüller zu seiner Entlastung vor: In den Nationalsozialistischen Lehrerbund und in die SA sei er 1933/34 gezwungenermaßen eingetreten, weil er sonst sein Studium nicht hätte abschließen können. Seinen Antrag auf Mitgliedschaft zur NSDAP am Jahresende 1938 erklärte er ebenfalls mit Konformitätsdruck: Junglehrer hätten nur mit Parteibuch auf Dauerstellen gelangen können. Mitglied sei er aber nie geworden, da man ihm keine Mitgliedsnummer zugeteilt habe. Innerlich sei er dem Nationalsozialismus immer ferngeblieben, trug Ganzenmüller vor und verwies in diesem Zusammenhang auf wiederholte, aber nicht im Detail belegte Konflikte mit Gestapo und Parteistellen. Die Gründe dafür seien seine Bemühungen gewesen, die Schule frei von politischen Einflüssen insbesondere der Hitlerjugend zu halten.

Der stellungslose 32-jährige Familienvater drängte im Herbst 1946, unterstützt durch das den eklatanten Lehrkräftemangel verwaltende Bezirksschulamt Stuttgart, auf eine Beschleunigung seines Entnazifizierungsverfahrens. Es wurde im März 1947 abgeschlossen, als die Spruchkammer Stuttgart ihn als „Mitläufer“ einstufte. Die Begründung des Spruches übernahm im Wesentlichen Ganzenmüllers im Verfahren vorgetragene politische Selbstdarstellung. Damit war der Weg frei für die Fortsetzung einer beruflichen Laufbahn im öffentlichen Dienst: Im Juni 1947 wurde Ganzenmüller zum Beamten auf Widerruf ernannt. Nach zweijähriger Tätigkeit an der Lehrerbildungsanstalt Schwäbisch Gmünd und der Ablegung des ihm bisher fehlenden Zweiten Staatsexamens wurde er in das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit übernommen. Bis zu seinem Ruhestand war Ganzenmüller in Schwäbisch Gmünd tätig, zuletzt als Professor an der zwischenzeitlich zur Pädagogischen Hochschule umgestalteten Bildungsanstalt.

In Schwäbisch Gmünd begann Ganzenmüller auch seine parteipolitische Karriere. Er gehörte für die CDU seit 1956 dem Gemeinderat an, amtierte seit 1961 als stellvertretender Bürgermeister und war 1960 bis 1980 Abgeordneter im Landtag von Baden-Württemberg: 1968 bis 1972 führte er als Vorsitzender die Fraktion der CDU und amtierte von 1976 bis 1980 als Landtagspräsident.