Gisela Bär: Büste von Carl Neinhaus

Büste von Carl Neinhaus

Büste von Carl Neinhaus

Gisela Bär (1920–1991)

Als im Dezember 1960 der Beschluss gefasst wurde, Gisela Bär den Auftrag zu Carl Neinhaus‘ Porträtkopf für das neue Landtagsgebäude zu erteilen, war dies eine besondere Anerkennung für die erst vierzigjährige Künstlerin. Sie hatte sich jüngst erst einen Namen gemacht: 1954 erhielt die angehende Bildhauerin eine Auszeichnung anlässlich der Ausstellung „Junge Badische Kunst der Gegenwart“, im Jahr darauf folgte der Württembergisch-Badische Kunstpreis. Auszeichnungen dieser Art waren in den Jahren des Mangels und des Wiederaufbaus so selten wie bedeutsam. 

Die gebürtige Pforzheimerin zählte zu der Generation, deren Jugendjahre vollständig in die Zeit des Nationalsozialismus fielen. Bär besuchte die Hildaschule in Pforzheim, eine Mädchenrealschule mit Realoberschule. Nach dem Abitur zeigte sie, eigenen Angaben zufolge, großes Interesse an der Psychologie und verfolgte in Stuttgart bis 1943/44 ein Studium. Im Fach Psycho-Physiognomie fiel ihr Talent auf, im plastischen Gestalten einen guten Ausdruck für das Seelenleben zu finden. Eigenen Angaben zufolge kaufte sie daraufhin Modellierwachs und machte ihre ersten Versuche in der Kleinbildhauerei. 

Noch während des Kriegs begann sie, offenbar in Stuttgart, ein Studium der Bildhauerei. Dieses endete jedoch schon bald und abrupt mit einem der schweren Luftangriffe auf die Stadt, wodurch Bär alles Hab und Gut verlor. Zurückgekehrt nach Pforzheim, erlebte sie dort die Bombardierung am 23. Februar 1945. Dem eigenen Bericht zufolge wurde sie verschüttet und schwer traumatisiert.

Auch die Pforzheimer Kunsthochschule war schwer beschädigt worden. Zwischen 1946 und 1948 wurden die Räume unter Mithilfe der Lehrkräfte und der Schülerinnen und Schüler instandgesetzt und der Unterrichtsbetrieb unter der Leitung von Erwin Aichele wieder aufgenommen. Ab 1948 zählte auch Bär zu den Studierenden an der Staatlichen Höheren Fachschule für Edelmetallgewerbe, Kunst und Gestaltung Pforzheim. Hier wurde Bär von Willi Seidel unterrichtet, der über das Kriegsende hinweg eine bemerkenswert konstante Anstellung genoss: Seidel war bereits 1939 Dozent für Bildhauerei und Aktzeichnen in Pforzheim geworden und setzte seine Lehrtätigkeit durch die NS-Zeit hindurch und bis weit in die Nachkriegszeit fort. Als Bildhauer vertrat Seidel, der von der technischen und weniger von der künstlerisch-diskursiven Seite kam, eine gegenständliche, traditionell figürliche Formauffassung, die klassisch und idealisierend, aber nicht heroisierend war. Er stand in der Tradition von Adolf von Hildebrand und Bernhard Bleeker. Seine Arbeit als Künstler war daher fern der internationalen Avantgarden vor 1933, stattdessen gekennzeichnet von einer Nähe zur klassisch-akademischen Tradition zu Beginn des Jahrhunderts.

1950 zog Bär nach Karlsruhe und studierte bis 1952 bei Karl Trummer an der Akademie der Bildenden Künste. Trummer hatte seit 1947 die Leitung der Bildhauerklasse inne und wurde 1949 zum Professor ernannt. Seine Arbeiten sind der figürlichen Bildhauerei verpflichtet, oft mit einer starken Tendenz zur Abstraktion, gelegentlich mit späten Einflüssen des Expressionismus. Er arbeitete in Bronze, Stein und Holz. Statt auf naturalistische Details setzte er auf Archaik und betonte eine unregelmäßige Oberfläche. Diese Begegnung war für Gisela Bär gewinnbringend, da sie sich vorwiegend mit sakralen Themen befasste und die Behandlung der Oberfläche als Verweis auf die seelische Bewegtheit der Figuren in ihr Schaffen integrierte. Zahlreiche christlich-religiöse Bauplastiken für moderne Kirchenbauten im Südwesten sollten sich davon prägen lassen. In den späten 1950er Jahren zog Bär zurück in ihre Heimatstadt, wo sie sich ein Atelier einrichtete und bis zu ihrem Lebensende als Künstlerin tätig war.

Portrait von Carl Neinhaus

Portrait von Carl Neinhaus

Carl Neinhaus (1888–1965)
Präsident des Landtags von Baden-Württemberg (1952–1960)

Als Oberbürgermeister kam Carl Neinhaus eine wichtige Aufgabe zu, als Ende März 1945 US-amerikanische Truppen auf Heidelberg vorrückten. Er gehörte zu einer Gruppe ziviler und militärischer Akteure, die über die kampflose Übergabe der Stadt verhandelten. Bei ihrem Einmarsch empfing er die Besatzer, um ihnen das Rathaus zu übergeben. Kurz darauf, am 7. April 1945, wurde er im Bezirksgefängnis Heidelberg interniert. Dort verbrachte er zwölf Tage als „Schutzhäftling“, bis eine Gruppe Heidelberger Bürger durch Fürsprache bei der Militärregierung seine Freilassung bewirkte.

Das Misstrauen, mit dem die Besatzer Neinhaus begegneten, erklärte sich durch seine politische Biografie. Der Verwaltungsjurist, der nach dem Ersten Weltkrieg kommunalpolitische Erfahrungen im Rheinland gemacht hatte, war 1929 als Parteiloser zum Heidelberger Oberbürgermeister gewählt worden. Die tragfähige Arbeitsbeziehung, die er zur nationalsozialistischen Gemeinderatsfraktion fand, und seine administrative Expertise waren die Voraussetzungen dafür, dass er sich als einziger Oberbürgermeister in Baden bei der nationalsozialistischen Machtübernahme im Amt halten konnte. Neinhaus trat hierbei in Vorleistung, indem er im Mai 1933 Mitglied der NSDAP wurde, und auch in seiner Amtsführung der folgenden Jahre ließ er keine Zweifel daran, dass er die Heidelberger Stadtverwaltung im Sinne der neuen politischen Machthaber führen werde. Die 1935 revidierte Gemeindeordnung erweiterte einerseits seine Handlungsspielräume, da das Kommunalparlament zu einem Beratungsgremium herabgewertet wurde, als unabhängiger „Führer“ der Gemeinde konnte Neinhaus andererseits nicht agieren, da er Rücksicht auf die Parteistellen der NSDAP nehmen musste.

Neinhaus gab der Diktatur in Heidelberg ein ziviles Gesicht und trug die Verantwortung für die administrative Umsetzung des politischen Programms des Nationalsozialismus auf kommunaler Ebene. Dies umfasste die antisemitischen Maßnahmen vom Ausschluss jüdischer Geschäftsleute von städtischen Aufträgen bis hin zum Vollzug der „Arisierungen“ ebenso wie eine sozialrassistische Politik mit der Kasernierung von Fürsorgeempfängern oder der Vertreibung der Heidelberger Sinti. Seinen Neigungen entsprachen die repräsentativen Aufgaben zu besonderen Anlässen, die er jeweils auch zur Werbung für die Diktatur nutzte. Neinhaus zeigte Geschick in seinen Bemühungen, Heidelberg als „Kulturstadt“ zu profilieren, und pflegte gute Kontakte zu den badischen Regierungskreisen, denen er regelmäßig städtische Anliegen vortrug. Sein Verhältnis zu den lokalen Parteistellen, insbesondere zum Kreisleiter der NSDAP, war nicht spannungsfrei. Die Kontroversen entzündeten sich jedoch an Interessenkonflikten innerhalb der bestehenden Ordnung und waren nicht grundsätzlicher Natur.

Dennoch entwickelte Neinhaus aus diesen Spannungen nachträglich ein Narrativ, in dem er selbst die Rolle eines Gegenspielers der Parteimänner der NSDAP einnahm. Dies trug er in seinem langwierigen Entnazifizierungsverfahren in großer Ausführlichkeit, mit Unterstützung mehrerer Rechtsanwälte und unter Vorlage vieler Dutzend günstiger Leumundszeugnisse vor. Abweichend von seiner hohen Formalbelastung als Parteimitglied von 1933 und als Mitglied des Korps der Politischen Leiter der NSDAP stufte ihn der öffentliche Kläger der Spruchkammer Heidelberg vergleichsweise milde als „minderbelastet“ ein. Die Kammer selbst erklärte ihn im Mai 1947 sogar zum „Mitläufer“. Obwohl ihm dies die Rückkehr in den öffentlichen Dienst ermöglicht hätte, bemühte sich Neinhaus, weil er es als Voraussetzung für eine Fortsetzung seiner Karriere betrachtete, um eine weitere Milderung. Bis ein Berufungsverfahren zustande kam, vergingen zwei Jahre, weil man zwischenzeitlich auch auf Seiten des öffentlichen Klägers in der Einschätzung des Falles schwankte. Im November 1949, als die Entnazifizierung bereits auslief und nur noch schwere Fälle verhandelt wurden, stufte die Zentralspruchkammer Nordbaden Neinhaus schließlich als „entlastet“ ein. In der Begründung machte sie sich seine Selbsteinschätzung zu eigen, dass er 1933, von vielen Heidelbergern dazu gedrängt, nur deshalb im Amt geblieben sei, um zu verhindern, dass ein überzeugter Nationalsozialist Oberbürgermeister wird.

1950 trat Neinhaus in die CDU ein und stellte sich als Landtagskandidat zur Verfügung. Im Dezember 1950 wurde er in den Landtag von Württemberg-Baden gewählt, und er gehörte auch der Verfassunggebenden Landesversammlung und dem ersten Landtag von Baden-Württemberg an. Dort gelangte er in rasch in eine führende Position und amtierte von 1952 bis zu seinem Ausscheiden aus dem Parlament 1960 als Landtagspräsident. In der gleichen Zeit kehrte er mit der Oberbürgermeisterwahl von 1952 an die Heidelberger Stadtspitze zurück und hatte beide Ämter gleichzeitig inne. Dass ein Amtsinhaber aus der NS-Zeit als Oberbürgermeister wiedergewählt wurde, war ein bundesweit außergewöhnlicher Fall.