Hermann Stadelmaier/Walter Brudi: Großes Landeswappen

Großes Landeswappen von Hermann Stadelmaier (Entwurf von Walter Brudi)
Foto: LTBW
Hermann Anton Stadelmaier (1918–2012)
Das Kriegsende 1945 erlebte Hermann Anton Stadelmaier in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Dort wurde ihm eine „Sonderbildung“ (reeducation programme) in Fort Eustis, Virginia, angeboten. In dieser politischen „Umerziehungsschule“ wurden junge deutsche Kriegsgefangene über die Werte und Prinzipien der Demokratie aufgeklärt. Stadelmaier betont in seinem Meldebogen, dass man ihn 1946 „bevorzugt“ aus der Kriegsgefangenschaft entlassen habe. Der versierte Silberschmiedemeister kehrte in seine Heimatstadt Schwäbisch Gmünd zurück und gründete noch 1946 eine Werkstätte für kirchliche Goldschmiedekunst. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Restaurierung liturgischer Gefäße – darunter Kelche, Monstranzen, Wappen, Bürgermeisterketten, Schmuckringe und andere Devotionalien.
Sein Leben vor 1945 lässt sich nur skizzieren. Ausweislich seines Meldebogens hatte Stadelmaier von 1933 bis 1939 zunächst als Lehrling und dann als Angestellter in der Firma Wilhelm Binder, Gmünd, gearbeitet. Er hatte sich eine renommierte Ausbildungsstätte ausgewählt, um den Beruf des Silberschmieds zu erlernen: Die im Jahr 1868 gegründete Silberwarenfabrik war in ihrer Geschichte außerordentlich erfolgreich. Sie stellte hochwertige Flach- und Korpuswaren aus Silber her, die weltweit exportiert wurden. Das Unternehmen zählte zu den führenden Betrieben der Branche und vermittelte eine technisch anspruchsvolle, handwerklich präzise Ausbildung. Diese frühe Spezialisierung auf hochwertige Metallarbeiten bildete die Grundlage für Stadelmaiers spätere Tätigkeit als Silberschmiedemeister und Restaurator liturgischer Objekte.
Stadelmaier war nie Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Unterorganisationen. Seit 1936 war er jedoch Mitglied in der Deutschen Arbeitsfront (DAF), einer Massenorganisation, die die Arbeitnehmerschaft im Sinne der NS-Ideologie kontrollieren sollte. Von Ende 1939 bis 1940 war er im badischen Knielingen beim Reichsarbeitsdienst verpflichtet, bevor er 1942 zum Kriegsdienst musste. Bei einem der Berufswettkämpfe 1939 wurde Stadelmaier Sieger und bekam das Gau-Siegerabzeichen der DAF – die Westwallmedaille – verliehen. Die Tatsache, dass er kein Parteimitglied war, wurde ihm bei der Verleihung der massenhaft produzierten Medaille jedoch angekreidet.
Im Rahmen der Entnazifizierung Deutschlands wurde Stadelmaier von früheren Kollegen eine politische und strafrechtliche Unbescholtenheit attestiert. So bescheinigte ihm der frühere Betriebsrat der Firma Binder sogar, ein „Gegner des Nationalsozialismus“ gewesen zu sein. Die Spruchkammer Schwäbisch Gmünd stellte am 20. September 1946 das Verfahren ein; Stadelmaier sei nicht belastet. Seine Biografie weist damit eher Merkmale eines angepassten Facharbeiters auf, dessen Distanz zum Regime zwar behauptet und teilweise belegt wird, dessen Handlungsspielräume jedoch durch die politischen Rahmenbedingungen der Zeit bestimmt blieben.
15 Jahre nach seiner Rückkehr nach Deutschland hatte sich Stadelmaier beruflich neu etabliert, so dass er 1961 wesentlich an der Planung und Ausführung von Walter Brudis Entwurf zum neuen Landeswappen Baden-Württembergs beteiligt war. Wie genau es zu der Zusammenarbeit der beiden Männer kam und ob sie einvernehmlich tätig waren, ist nicht überliefert.
Walter Brudi (1907–1987)
Nach dem Ende des „Dritten Reiches“ verlor Walter Brudi zunächst seine Stellung im deutschen Hochschulsystem. Als Professor für Schrift- und Buchkunst in München war er bis 1945 Teil einer Ausbildung gewesen, die eng an die kulturpolitischen Vorgaben des Regimes gebunden war. Gleichwohl gelang ihm bereits wenige Jahre später die berufliche Reintegration: 1949 wurde er an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart berufen, deren Rektor er von 1959 bis 1969 war. Der Übergang markiert weniger einen Bruch als vielmehr eine Anpassung an neue politische Rahmenbedingungen, ohne dass seine fachliche Autorität grundsätzlich infrage gestellt worden wäre.
Brudis Werdegang vor 1933 erklärt diese Kontinuität teilweise. Ausgebildet an der Stuttgarter Kunstgewerbeschule bei dem Schriftkünstler und Typographen Friedrich Hermann Ernst Schneidler, prägten ihn Prinzipien wie Klarheit, Funktionalität und handwerkliche Präzision. Früh wandte er sich der angewandten Grafik und Werbung zu, zunächst als Assistent, dann als Leiter eines Werbeateliers in Esslingen und später in Berlin. Diese Tätigkeit erwies sich im Nationalsozialismus als anschlussfähig, da visuelle Gestaltung – insbesondere Typografie und Druck – eine zentrale Rolle für die öffentliche Kommunikation und damit auch für propagandistische Zwecke spielte.
Bemerkenswert ist Brudis früher Eintritt in die NSDAP im Jahr 1929. Er blieb bis 1945 Mitglied, ohne jedoch eine Parteikarriere zu verfolgen. Ab 1932 leitete Brudi die Klasse für Typografie an der Höheren Grafischen Fachschule in Berlin, ehe er 1935 an die Münchner Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker wechselte. Dort erfolgte die Ausbildung unter zunehmend ideologisch kontrollierten Bedingungen: Moderne, international geprägte Gestaltungsansätze wurden zurückgedrängt, traditionelle Schriftformen bevorzugt und die Lehre auf Konformität mit der NS-Kulturpolitik ausgerichtet. Brudi wirkte in diesem System als Lehrender, seit spätestens 1943 als Professor. Konkrete politische Äußerungen sind nicht überliefert, doch seine kontinuierliche Tätigkeit in zentralen Ausbildungsinstitutionen zeigt eine funktionale Einbindung in das Regime.
Zwischen 1940 und 1944 war Brudi als Kriegsmaler in der Wehrmacht eingesetzt – eine Aufgabe, die nicht nur dokumentarischen, sondern auch propagandistischen Zwecken diente. Darin zeigt sich weniger individuelle Profilierung als vielmehr die Bereitschaft, die eigenen Fähigkeiten in den Dienst staatlicher Anforderungen zu stellen.
Im Entnazifizierungsverfahren wurde Brudi 1948 als „Mitläufer“ eingestuft. Die Spruchkammer argumentierte, er habe den Nationalsozialismus nur unwesentlich unterstützt; seine frühe Parteimitgliedschaft wurde als seiner politischen Unreife entsprungen interpretiert, Sanktionen fielen daher gering aus. Diese Bewertung steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zu seiner tatsächlichen beruflichen Position während der NS-Zeit, die ihn in zentralen Bereichen der visuellen Ausbildung und Produktion verortet.
Nach 1945 konnte Brudi rasch wieder an Einfluss gewinnen. Neben seiner Lehrtätigkeit entwickelte er eigene Schriften wie „Brudi Mediäval“ oder „Orbis“ und wirkte an bedeutenden Gestaltungsaufgaben mit. Besonders hervorzuheben ist seine Beteiligung am Wettbewerb zur Gestaltung des Landeswappens von Baden-Württemberg Anfang der 1950er Jahre. Obwohl sein Entwurf nicht umgesetzt wurde, erhielt er später den prestigeträchtigen Gestaltungsauftrag des Wappens für den Plenarsaal des neuen Landtagsgebäudes.