Jakob Wilhelm Fehrle: Büste von Wilhelm Keil

Büste von Wilhelm Keil

Büste von Wilhelm Keil

Jakob Wilhelm Fehrle (1884–1974)

Jakob Wilhelm Fehrle wurde 1884 in Gmünd geboren. Nach dem Besuch des Realgymnasiums absolvierte er eine Ausbildung zum Ziseleur, wandte sich anschließend aber der Bildhauerei zu. Studien in Berlin und München sowie ein längerer Aufenthalt in Paris vor dem Ersten Weltkrieg prägten seine künstlerische Entwicklung nachhaltig. In Paris bewegte er sich im Umfeld der internationalen Avantgarden und arbeitete zeitweise im Atelier Auguste Rodins. Seine Arbeiten aus dieser Zeit zeigen eine reduzierte, klar strukturierte Formensprache, die auch Anregungen aus asiatischen Kunsttraditionen erkennen lässt.

Nach dem Ersten Weltkrieg, den Fehrle als Offizier an der Westfront erlebte, kehrte er 1918 nach Gmünd zurück. Dort etablierte er sich als freischaffender Bildhauer und war zugleich als Lehrer an der Staatlichen Höheren Fachschule für Edelmetall-Industrie tätig. Seit den 1920er Jahren nahm er regelmäßig an Ausstellungen teil und erhielt Aufträge im südwestdeutschen Raum. Zeitgenössische Kritiken hoben insbesondere die innere Geschlossenheit und vermeintlich „nordische“ Prägung seiner Arbeiten hervor – Zuschreibungen, die im kunstpolitischen Diskurs der folgenden Jahre anschlussfähig wurden.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und der damit einhergehenden Kulturpolitik zeigte sich Fehrle konform. Eine Mitgliedschaft in der NSDAP wurde von ihm 1933 angestrebt, ihm jedoch verweigert: Seine kurzzeitige Zugehörigkeit zu einer Freimaurerloge stand seiner Parteiaufnahme im Weg. Politisch trat er ansonsten kaum öffentlich hervor. 

Seine künstlerische Tätigkeit war jedoch eng mit staatlichen Aufträgen und den Ausstellungsstrukturen des Regimes verbunden. Bereits 1934 entstand für den Innenhof des Rathauses in Konstanz ein Schlageter-Ehrenmal, das den Erzengel Michael mit Schwert und Hakenkreuz zeigt. 1935 folgten ein Gefallenendenkmal auf dem Unteren Marktplatz in Schwäbisch Gmünd – eine neun Meter hohe Säule mit Reichsadler und Hakenkreuz – sowie eine überlebensgroße Porträtbüste Adolf Hitlers für die Universität Tübingen. Die Reichskulturkammer und auch das Wehrbezirkskommando Schwäbisch Gmünd bescheinigten dem Künstler eine linientreue Gesinnung.

Dies begünstigte auch die Rezeption seiner Werke im Nationalsozialismus. Zwischen 1939 und 1944 war Fehrle regelmäßig auf den Großen Deutschen Kunstausstellungen in München vertreten und zeigte dort insgesamt 17 Werke. Das ist eine durchaus beachtliche Anzahl für einen Künstler, dessen frühere Arbeiten aus formalistischen Gründen im Jahr 1937 noch als „entartet“ eingestuft worden waren: Einige wenige seiner Plastiken und Papierarbeiten waren aus der Staatsgalerie Stuttgart bzw. aus dem Museum der Stadt Ulm beschlagnahmt worden. 

Seine jüngeren Arbeiten, häufig weibliche Akte, bewegten sich zunehmend im Spektrum eines klassisch-beruhigten, körperbetonten Stils, der mit den ästhetischen Erwartungen der nationalsozialistischen Kunstpolitik vereinbar war. Während der Kriegsjahre wurden mehrere Arbeiten Fehrles von führenden Repräsentanten des NS-Regimes angekauft. 1939 erwarb Joachim von Ribbentrop, Reichsminister des Auswärtigen, einen Alabasterkopf („Ophelia“). 1940 kaufte Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda und zudem Präsident der Reichskulturkammer, den Bronzekopf „Julia“, was wiederum weitere Ankäufe begünstigte. Im Nationalsozialismus wurde die Kunst als unentbehrlicher Teil der Propaganda angesehen, als wesentlich im Sinne der Beeinflussung des Geistes. Fehrle profitierte daher nicht nur ökonomisch, sondern gerade auch hinsichtlich seiner Reputation von den Erwerbungen durch hohe Vertreter des NS-Regimes. 

Aufgrund seines Alters hatte Fehrle keinen Kriegsdienst leisten müssen, so dass das Kriegsende für ihn nicht mit einem vollständigen Neuanfang einherging, wohl aber mit einer Phase intensiver Neuorientierung. Trotz seiner repräsentativen Auftragsarbeiten im Nationalsozialismus wurde er im Zuge der Entnazifizierung als vom Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. März 1946 „nicht betroffen“ eingestuft. In den folgenden Jahren arbeitete er weiterhin in Schwäbisch Gmünd als Bildhauer. Als ihm 1954 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen wurde, war dies eine späte Würdigung für einen Künstler, um den es eher ruhig geworden war. Ein Jahr später entstand die Porträtbüste des Landtagspräsidenten Wilhelm Keil.

Portrait von Wilhelm Keil

Portrait von Wilhelm Keil

Wilhelm Keil (1870–1968)
Präsident des Landtags von Württemberg-Baden (1947–1952)

Für den 74-jährigen Wilhelm Keil bedeutete die Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Alliierten im Frühjahr 1945 die unmittelbare Wiederaufnahme politischer Tätigkeit, die ihm in den vorangegangenen zwölf Jahren verwehrt worden war: Bereits im April, als in weiten Teilen des Deutschen Reiches noch gekämpft wurde, war Keil in Ludwigsburg an der Gründung eines antifaschistischen Komitees beteiligt, aus dem der provisorische Gemeinderat der Stadt hervorging. Er spielte eine wichtige Rolle bei der Wiederbegründung der lokalen und regionalen SPD-Organisationen, und im September 1945 hielt er einen öffentlichen Vortrag, der die politischen Ereignisse der Vormonate zeithistorisch einzuordnen versuchte. Keil trat dabei mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes auf, der sich selbst wegen seines Verhaltens in der Niedergangsphase der Weimarer Republik und während der nationalsozialistischen Diktatur keine Vorwürfe machte und dessen Worte durch lange politische Erfahrungen Gewicht beanspruchten.

Keil war noch unter Bismarcks Sozialistengesetz als junger Handwerker in die SPD eingetreten, hatte sich den 1890er Jahren einen Namen als Parteijournalist gemacht und von 1900 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs dem württembergischen Landtag sowie seit 1910 auch dem Reichstag angehört. Dieses parlamentarische Wirken setzte er nach der Revolution von 1918 nahtlos fort: Mitglied der Verfassunggebenden Versammlungen in Stuttgart und Weimar, für die SPD Abgeordneter im württembergischen Landtag und Fraktionsvorsitzender bis 1933 sowie Abgeordneter im Reichstag bis 1932. Als die Sozialdemokratie in der Anfangsphase der Weimarer Republik an der Landesregierung beteiligt war, amtierte Keil als württembergischer Minister für Arbeit und Ernährung (1921–1923).

In der Landespolitik war Keil allerdings hauptsächlich Oppositionsführer, und in dieser Rolle agierte er in sehr umstrittener Weise, als sich die politischen Verhältnisse im Zuge der nationalsozialistischen Machtübernahme im Reich und in den Ländern im Frühjahr 1933 zuspitzten. Keil war einer der Protagonisten der sehr vorsichtigen Strategie, die durch den Verzicht auf demonstrative oppositionelle Aktionen der von einem Parteiverbot bedrohten SPD Handlungsspielräume erhalten wollte. So fiel in Keils Verantwortung Mitte März eine Erklärung der SPD-Landtagsfraktion, gegenüber der neuen nationalsozialistischen Landesregierung eine sachliche Haltung einnehmen zu wollen. Bei der Abstimmung über das württembergische „Ermächtigungsgesetz“ Anfang Juni enthielt sich Keil mit anderen Fraktionsmitgliedern der SPD der Stimme, was in Anbetracht der inzwischen scharfen Repressionen der neuen Machthaber gegen Sozialdemokraten als bloß halbherziger Protest anmuten konnte. Bis hin zur Forderung nach einem Parteiausschluss wurde Keil zur Zielscheibe innerparteilichen Protests, der zwar mit dem rasch folgenden Parteiverbot für die SPD verebbte, aber noch nach 1945 in persönlichen Animositäten, zum Beispiel zwischen Keil und seinem früheren Schützling Kurt Schumacher, fortwirkte.

Möglicherweise infolge seines vorsichtigen Agierens blieb Keil, anders als fast alle Sozialdemokraten ähnlicher Prominenz, 1933 auf freiem Fuß und wurde auch in den Folgejahren nie inhaftiert. Allerdings erlitt er finanzielle Einbußen, indem ihm seine Ministerpension gestrichen wurde und er den Redaktionsposten bei einer Parteizeitung verlor, der ihm bis dahin ein gutes Auskommen ermöglicht hatte. Außerdem stand Keil unter geheimpolizeilicher Überwachung. Da er eine Emigration ablehnte, blieb Keil im nationalsozialistischen Deutschland nur der Rückzug ins Private. Er arbeite an seinen Lebenserinnerungen und hielt Kontakt zu ehemaligen Kollegen aus Presse und Partei, ohne sich an irgendwelchen Widerstandsaktivitäten zu beteiligen. Einer äußeren politischen Anpassung verweigerte er sich, abgesehen von einer Mitgliedschaft im Reichsluftschutzbund. Hinweise darauf, dass einflussreiche Nationalsozialisten eine schützende Hand über Keil gehalten hätten, gibt es nicht, so dass erstaunlich bleibt, dass er im „Dritten Reich“ ohne existenzbedrohende Repressionen lebte. Dies jedenfalls trug dazu bei, dass er noch als Mittsiebziger nach dem Krieg wieder eine wichtige politische Rolle einnehmen konnte.

Keil gehörte der Vorläufigen Volksvertretung für Württemberg-Baden an und wurde sowohl in die Verfassunggebende Versammlung als auch in den Landtag von Württemberg-Baden gewählt, als dessen Präsident er bis 1952 amtierte. In der Landespolitik bekleidete er weitere Ämter und Funktionen, unter anderem in der Arbeitsgemeinschaft „Der Bürger im Staat“, aus der die Landeszentrale für politische Bildung hervorging. Überregionale Wirksamkeit fand er von 1947 bis 1949 als Mitglied des Parlamentarischen Rats beim Länderrat des amerikanischen Besatzungsgebiets und 1949 als Mitglied des Deutschen Rats der Europäischen Bewegung.