Einweihung des Denkmals am Güterbahnhof Pforzheim

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Boch,
sehr geehrter Herr Suliman,
Im Namen des Landtags von Baden-Württemberg danke ich für die Einladung, heute hier zu sprechen, und begrüße sehr herzlich Herrn Lehrer, Herrn Rabbiner Yudelevitz, Sie, liebe Angehörige der jüdischen Gemeinde, liebe Hinterbliebene der Überlebenden, und Sie alle, die Sie sich heute an diesem wichtigen Tag beteiligen, durch Beiträge oder Ihre Teilnahme.
Für die Landesregierung begrüße ich den Beauftragten der Landesregierung gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, Herrn Dr. Michael Blume.
Wir stehen heute hier an einem Ort des Gedenkens – und damit an einem Ort der Verantwortung.
Heute, 85 Jahre nach der Deportation von über 6.500 jüdischen Menschen aus Baden, der Pfalz und dem Saarland in das Lager Gurs, am Fuß der französischen Pyrenäen. Wir gedenken ihrer, ihrer Geschichte, ihrem weiteren Schicksal: Viele starben in den ersten Monaten. Andere wurden später weiter in den Osten deportiert – und dort ermordet. Nur wenige kehrten je zurück.
Wir weihen heute ein Denkmal ein, das diesen Menschen gewidmet ist: Nachbarinnen, Nachbarn, Freundinnen, Freunde, Lehrerinnen, Kollegen, Kinder. Menschen, die hier lebten, arbeiteten, lachten und liebten – und die plötzlich als „anders“ markiert, entrechtet, vertrieben und ermordet wurden. Aus dem alleinigen Grund, dass sie jüdisch waren.
Aus Pforzheim und Umgebung wurden so am 22. Oktober 1940 202 jüdische Bürgerinnen und Bürger aus ihrem Alltag gerissen, mit oft kaum mehr als einem Koffer aus ihren Häusern geholt, und zum Transport in Viehwaggons gesteckt. Die Fahrt nach Gurs, ohne Nahrung und Versorgung, dauerte drei Tage und vier Nächte.
„Als ich ein kleiner Junge war, liebte ich Züge“, schreibt Kurt Salomon Maier, der Gurs als Kind überlebte. „Aber als ich 10 Jahre alt war, musste ich die längste Zugfahrt meines Lebens machen.“ Seinem Vater sei am Bahnhof gesagt worden: „Sie können Ihr Eisernes Kreuz abnehmen, es nützt Ihnen doch nichts.“ Maier schreibt in seinem Gedicht: „Sie sammelten uns alle ein. Es spielte keine Rolle, wer man war. Wir hatten alle eines gemeinsam: wir waren, was sie suchten.“
Maier schildert Gurs als Ort voller Regen, Ratten und Gestank: „Es war ein Ort, an dem alles grau war: Die Wände. Der Himmel. Selbst der Morast war grau. Wie die Gesichter der Menschen. Man fühlte ständig Angst im Magen. Aber sie füllte wenigstens die Leere vom Hungern. Man spürte auch die Kälte. Man schlief im Mantel. Der Nachtwind machte ihn steif wie ein Laken aus Stein.“
Sehr geehrte Damen und Herren, was Kurt Salomon Maier wirklich erlitt, können wir nur ahnen. Wir können dankbar sein, dass er über seine Erfahrungen gesprochen hat und es immer noch tut. So bleibt das Erinnern lebendig. Und wird weiter überliefert.
Liebe Gäste, dieses Denkmal kann ein Ort der Erinnerung sein – aber auch ein Lernort.
Ein Ort, an dem Schulklassen verstehen, dass Geschichte nicht vorbei ist.
Ein Ort, an dem wir uns gegenseitig erinnern, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist.
Ein Ort, der Mut macht: zur Zivilcourage, zum Widerspruch, zum Engagement.
Eine lebendige Demokratie braucht Menschen, die mitgestalten.
Menschen, die fragen: Was kann ich tun, damit das nie wieder passiert?
Die Antwort ist oft kleiner, als wir denken – und zugleich größer, als wir glauben: Wenn wir Antisemitismus am Stammtisch widersprechen; wenn wir Verschwörungsdenken im Netz entgegentreten; wenn wir uns mit Jüdinnen und Juden in unserer Stadt solidarisch zeigen; wenn wir das Gedenken nicht anderen überlassen, sondern selbst Teil davon werden – dann verteidigen wir die Menschenwürde. Dann verteidigen wir unsere Demokratie.
Dieses Denkmal erinnert – ja. Aber es mahnt auch. Es mahnt uns, dass Antisemitismus nicht „von gestern“ ist. Er ist da. Und er war immer da. Auch wenn die heute veröffentlichten Zahlen der Anzeigen von antisemitischen Straftaten erfreulicherweise nach unten zeigen: Jede antisemitische Äußerung ist eine zu viel!
Antisemitismus hat jetzt neue Masken. Neue Codes. Neue Plattformen. Er zeigt sich in Verschwörungsmythen, in vermeintlicher „Israel-Kritik“, die zur weltweiten Dämonisierung eines ganzen Volkes und Glaubens wird, in Hetze in den sozialen Medien – und zuletzt auch wieder in blanker Gewalt.
Er zeigt sich in Kommentaren anlässlich der Denkmalgestaltung, die den jüdischen Opfern des Holocausts das Gedenken verwehren wollen, weil der Staat Israel Krieg gegen die Terrororganisation Hamas führt. Ich sage es an dieser Stelle ganz deutlich: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun! Jüdinnen und Juden in Deutschland für das Handeln des Staates Israel verantwortlich zu machen, ist keine Heldentat – es ist purer Antisemitismus, den ich zutiefst verurteile.
Verurteilung alleine reicht aber nicht; damit kommen wir nicht weiter. Und wie viele von uns frage ich mich: wir können wir Polarisierung, Echo-Kammern, verkürzte Darstellungen und Fake-News eindämmen? Wie können wir uns als Gesellschaft wieder besser zuhören? Wie voneinander lernen?
Auch hier in Pforzheim treffen unterschiedliche Meinungen aufeinander. Ich bin zutiefst beeindruckt, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, wie Sie sich hier dieser Aufgabe widmen: Mit dem Rat der Religionen, den aktiv gelebten Städtepartnerschaften und europäischen Kooperationen, und neben vielen anderen Initiativen; nicht zuletzt auch mit der finanziellen Beteiligung an diesem Denkmal. Einem Denkmal, das zivilgesellschaftlich getragen und finanziert ist.
Sehr geehrter Herr Suliman, ich danke der israelitischen Religionsgemeinschaft Badens – und Ihnen ganz persönlich, dass Sie nicht nur dieses Denkmal initiiert haben, sondern auch Erinnerung vor allem im Dialog mit jungen Menschen aufrechterhalten und gestalten. Der interreligiöse Dialog ist dabei nicht nur ein Zeichen der Verständigung. Er ist ein Fundament für unsere gemeinsame Zukunft. Wenn Menschen miteinander sprechen, statt übereinander zu urteilen, dann wächst Vertrauen. Dann wächst der Spielraum, Konflikte zu lösen, bevor sie eskalieren.
Zur Wahrheit gehört aber auch: man muss das Andere aushalten. Sich mit der anderen Meinung auseinandersetzen. Immer und immer wieder. Rote Linien ziehen bei Menschenhass. Aber tolerant sein gegenüber anderen Überzeugungen. Denn Versöhnung ist kein Zustand. Sie ist ein Prozess. Sie lebt vom Dialog, vom Zuhören, von der Bereitschaft, aufeinander zuzugehen.
Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus und Rassismus wieder offener ausgesprochen werden, ist es entscheidend, dass wir Räume des Miteinanders schaffen – und verteidigen.
Sehr geehrte Damen und Herren, das Lager Gurs war 1939 eingerichtet worden als Auffanglager für Flüchtlinge aus Spanien, die gegen den Franko-Faschismus gekämpft hatten. Vor der großen Deportation am 22. Oktober 1940 haben ab Mai [1940] jüdische Zwangsmigranten aus ganz Europa festgesessen, die in Frankreich zu sogenannten „feindlichen Ausländern“ erklärt worden waren. Eine von ihnen war Hannah Arendt, eine deutsche Jüdin und philosophische Denkerin, die schon früh den Nationalsozialismus bekämpfte und bereits 1933 nach Paris geflohen war.
Durch großes Glück und persönlichen Mut war es ihr in den Wirren rund um die deutsche Besetzung Frankreichs gelungen, das Lager nach weniger als vier Wochen zu verlassen. Aus der Innensicht des Lagers war ihr früh bewusst, was an Leid und Tod auf die verbliebenen und zukünftigen Gefangenen zukommen würde.
Zeitlebens ergriff sie Partei für die Geflüchteten, die Ausgestoßenen, für die am Rande Stehenden. Sie, die später Zuflucht in den USA fand, war zeitlebens auch eine starke jüdische Stimme für ein friedliches Zusammenleben zwischen Juden und Arabern in Palästina. 1948 schrieb sie in einem Aufsatz: „Der Wunsch, dass Juden und Araber in Palästina in Frieden zusammenleben mögen, ist keine Utopie, sondern eine politische Notwendigkeit.“ Dieser Satz gilt bis heute.
Nicht nur für den Nahen Osten, sondern auch für unser Miteinander hier in Deutschland, in Europa. Lassen Sie uns von Hannah Arendt lernen, dass Religion nicht trennend zwischen uns stehen muss, wenn wir gemeinsam versuchen, miteinander in den Dialog zu gehen. Denn das war ihr Apell immer und immer wieder. Dafür braucht es Mut. Es braucht Erinnerung. Es braucht uns alle.
Sehr geehrte Damen und Herren, zum Abschluss möchte ich der Stadt Pforzheim – ihren Verantwortlichen, aber auch den vielen Menschen aus Bürgerschaft und Zivilgesellschaft – ausdrücklich danken: Für das beharrliche Erinnern. Für die Arbeit an einer Kultur des Gedenkens, die nicht erstarrt, sondern bewegt.
Ich wünsche Ihnen allen, dass das Denkmal nicht nur ein Ort des Gedenkens und des Lernens ist – sondern auch ein Ort der Begegnung. Ein Ort, an dem wir durch die Namen der deportierten Jüdinnen und Juden aus Pforzheim und Umgebung der Vergangenheit ins Auge sehen. Und zugleich nach vorne blicken.
Ich danke Ihnen, dass Sie Haltung einnehmen – gegen das Vergessen, gegen das Wegsehen, gegen Gleichgültigkeit.