05. Dezember 2025

Grußwort 80 Jahre Stadtjugendring Stuttgart

Landtagspräsidentin Aras bei ihrer Rede am Redepult

Liebe Jugendliche, meine sehr geehrten Damen und Herren,

Ich freue mich sehr, heute bei Ihnen zu sein – als Landtagspräsidentin und als treue Freundin und Wegbegleiterin des Stadtjugendrings. Seit meiner Zeit im Vorstand des Stadtjugendrings Mitte der 90er-Jahre, vor ganzen 30 Jahren, bin ich Ihnen und Ihrer Arbeit sehr verbunden. Die Welt hat sich in diesen 30 Jahren verändert. Aber eins ist wahr, heute wie damals: Der Austausch mit Jugendlichen ist unglaublich wichtig! Sie haben ihren eigenen Blick auf die Welt. Das sind ganz vielfältige und oft tiefgründige Blicke, wenn man sich die Zeit nimmt und ihnen zuhört.

Heute feiern wir das 80-jährige Jubiläum des Stadtjugendrings Stuttgart – und damit 80 Jahre des Zuhörens, der Jugendförderung, des Engagements und der gelebten Demokratie in der Landeshauptstadt. 

Liebe Gäste, damit vor 80 Jahren, damit 1945, überhaupt etwas beginnen konnte, musste zuerst etwas beendet werden: die Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland. Ein menschenverachtendes Regime, das „1000 Jahre“ herrschen wollte, aber vor allem im letzten Kriegsjahr schon Jugendliche im sogenannten „Volkssturm“ ab 15 und 16 Jahren in die Mühlen ihres Krieges warfen. Jugendliche, die seit jeher die Zukunft einer Gesellschaft sind, sollten ein sinnloses Opfer in einem Krieg bringen, der schon längst verloren war. Sie sollten in letzter Minute zu Tätern gemacht werden, eine Generation, die eigentlich die Hoffnung für einen neuen, demokratischen Anfang war. Eine Generation, die weitgehend in ihren Taten unbelastet und bereit war, die Parolen des Hasses in den NS-Jugendorganisationen gegen die Botschaften der Kooperation und der demokratischen Prozesse zu tauschen. 

Nach der Befreiung Deutschlands im Mai 1945 erhielt sie die Möglichkeit dazu, und nicht nur sie: viele Institutionen schnupperten wieder demokratische Luft. Im August erscheinen mit der Frankfurter Rundschau und dem Badischen Tagblatt die ersten freien Lizenzzeitungen. In Württemberg folgt im September die Stuttgarter Zeitung. Im Oktober trat die Charta der Vereinten Nationen in Kraft und der Stuttgarter Stadtjugendausschuss wird gegründet. Kurz darauf wurden auf Länderebene in Deutschland wieder Parteien zugelassen.

Es war eine Zeit des Zusammenbruchs und des Wiederaufbaus, der Orientierungslosigkeit und der Neuorientierung. Heute wissen wir: so etwas wie eine „Stunde Null“ gab es nicht – zu viele NS-Funktionäre saßen auch nach Kriegsende in Schlüsselpositionen von Staat und Gesellschaft. Damals schien die Tür zur Zukunft jedoch weit offen zu stehen: zu einem selbstbestimmten Leben, ohne die Lasten der Vergangenheit. 

Demilitarisierung, Dezentralisierung, Demokratisierung, Demontage und Denazifizierung sollten nach Willen der Alliierten die Voraussetzung für ein eigenständiges Deutschland sein: „…sobald es in der Lage sein würde, dies auf demokratische Art und unter aufrichtiger Achtung der Menschenrechte und grundsätzlichen Freiheiten zu tun,“ wie es der US-amerikanische Außenminister, James F. Byrnes, auf der Bühne des Württembergischen Staatstheaters etwas später ausdrückte. 

Damit diese Hoffnung Realität wurde, suchte die amerikanische Militärregierung auch hier, in Stuttgart, verlässliche Multiplikatoren. Ein Verband, der die neuen Werte der Demokratie außerhalb der Schule an die junge Generation herantrug, schloss dabei eine wichtige Lücke. Ein Verband, der antifaschistischen, pazifistischen und demokratischen Ideen auch außerhalb staatlicher Institutionen schon früh ein Zuhause gab.

Noch bevor die Mütter und Väter des Grundgesetzes die Menschenwürde und demokratische Prinzipien ins Grundgesetz schrieben, veranstaltete der damalige Stadtjugendausschuss ein Jugendparlament, und reichte den europäischen Nachbarn in einem ersten Jugendaustausch mit der Partnerstadt St. Helens im Vereinigten Königreich die Hand der Verständigung nach sechs Jahren Krieg und Feindschaft. Die Geschichte des Stadtjugendrings ist also immer auch eine Geschichte der Vernetzung von Menschen, der Demokratie und der Demokratiebildung. Es dauerte entsprechend auch nicht lange, bis sich die Wege mit dem Landtag zum ersten Mal öffentlich kreuzten: Im Februar 1953, neun Monate, bevor die Landesverfassung in Kraft tritt, ruft der Stadtjugendausschuss zu einer Gedenkfeier für die Geschwister Scholl im damaligen Landtagsgebäude in der Heusteigstraße auf. In Gedenken an die Jugendlichen, die sich auch in einer Diktatur für Freiheit und Frieden einsetzten und dafür zehn Jahre zuvor mit ihrem Leben bezahlen mussten; die mutig handelten, während andere schwiegen, wegschauten, oder sogar das Regime unterstützen. Die ihre Stimme erhoben, und durch die Nationalsozialisten zum Schweigen gebracht wurden. 

Liebe Gäste, wer im demokratischen Prozess die Stimme erhebt, muss heute keine staatlichen Repressionen fürchten. Allerdings finden in der Realität nicht alle Stimmen im politischen Verfahren gleichermaßen Gehör. Eine Gruppe von Soziologen um Aladin El-Mafaalani sprechen etwa von Kindern und Jugendlichen als „Minderheit ohne Schutz“. Aufgrund der demografischen Entwicklung werden junge Jahrgänge noch eine Weile zahlenmäßig in der Unterzahl sein. El-Mafaalani verweist darauf, dass 2024 doppelt so viele Menschen ihren 60. Geburtstag feierten, als Kinder geboren wurden. Vor dem Hintergrund dieser demografischen Schieflage dürfen wir die Generationen nicht gegeneinander ausspielen. Denn: jede hat oder hatte ihre ganz eigenen Herausforderungen im Leben. Die Wahrheit ist doch: In der Gesellschaft brauchen wir alle einander. Wir brauchen die Erfahrung der Älteren und die Energie der Jüngeren. Wir brauchen die Theorie der Akademiker und die Praxis der Handwerker. Wir brauchen das Zusammenspiel von Männern und Frauen. Deshalb sage ich: Erkennen wir wechselseitig unseren Beitrag zur Gesellschaft an. Anerkennung ist kein Nullsummenspiel: Alle Teile der Gesellschaft tragen zu diesem wunderbaren, erfolgreichen Land bei. Dieses Land ist eine riesige demokratische Gemeinschaftsleistung, auf die wir ungemein stolz sein können!

Anstatt zu sagen, „die Zukunft gehört der Jugend“, sollten wir sie ihre Zukunft mehr gestalten lassen. Sie wachsen in einer Welt auf, die gezeichnet ist vom Klimawandel, von internationalen Kriegen, gesellschaftlicher Polarisierung, dem Hass und der unerreichbaren Selbstdarstellung in den Sozialen Medien, von ökonomischen Unsicherheiten und einer Arbeitsplatzkonkurrentin namens Künstliche Intelligenz, die zunehmend Einstiegspositionen besetzt. Sie ist eine Generation, die schon beim Aufwachsen lernen muss, mit großen, vielfältigen und komplexen Unsicherheiten umzugehen. 

Geben wir ihnen – euch, liebe Jugendliche – so viele Chancen wie möglich, um zu erfahren, dass ihr etwas bewirken könnt in dieser Welt, in die ihr hineingeboren wurdet. Hier, vor der Haustür in Stuttgart, in Baden-Württemberg, oder bei einem internationalen Austausch. 

Die mittlerweile 56 Mitgliedsverbände des Stadtjugendrings bieten seit 80 Jahren solche Chancen: Als Pfadfinder die Natur entdecken, bei einem Freiwilligendienst internationale Kooperation erfahren, eine Jugendleiterausbildung machen, Gäste aus Partnerstädten empfangen und dort neue Freundschaften knüpfen, beim Musizieren gemeinsam den richtigen Takt finden, bei der Feuerwehr Zusammenhalt und Solidarität erleben; All das, und noch viel mehr, ist möglich. 

Liebe Gäste, nach der Shell-Jugendstudie 2024 sind junge Menschen so politisch interessiert und aktiv wie noch nie. Das erlebe ich auch jedes Mal, wenn der in Kooperation mit dem Landesjugendring stattfindende Jugendlandtag bei uns im Haus des Landtags zu Gast ist. Hier erarbeiten Jugendliche Forderungen an die Politik – und ein Jahr später wird zum Umsetzungsstand nachgehakt. Eine Forderung war die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre. Diese Forderung haben wir umgesetzt: bei der Landtagswahl am 8. März 2026 können so viele Jugendliche wie noch nie ihre Stimme abgeben: 180.000 Minderjährige und insgesamt 650.000 Jugendliche bis 22 Jahre. 

Dass sie sich bis dahin schon als Teil der Gesellschaft, von etwas Großem, erfahren können, dafür danke ich den vielen Jugendorganisationen der Stadt Stuttgart herzlich! Sie ermöglichen Teilhabe, Mitbestimmung und vermitteln demokratische Werte und Werkzeuge. Ich danke Ihnen – nicht nur heute am Tag des Ehrenamtes – für Ihr ehrenamtliches Engagement, das die Jugendverbände in der Stadt seit Jahrzehnten am Leben hält und mit Leben füllt. Ich danke Ihnen für Ihren jahrzehntelangen Einsatz für Demokratie, Vielfalt, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit – und Ihre Absichtserklärung aus dem Oktober, diese auch in Zukunft zu verteidigen. Ich freue mich, wenn der Landtag über die Landeszentrale für politische Bildung Projekte der Demokratiebildung dabei weiterhin unterstützen und ermöglichen kann.

Liebe Jugendliche, zum Schluss habe ich eine Bitte an euch: Vernetzt euch weiter, organisiert euch, seid laut und unbequem! Seid Teil unserer demokratischen Gesellschaft, bringt euch ein! Geht den langwierigen aber nachhaltigen und solidarischen Weg der Demokratie, und nicht die vermeintliche Abkürzung über den populistischen Holzweg, der mit einfachen Lösungen wirbt.

Aber vergesst bei all der Verantwortung, die ihr auf euren Schultern für die Zukunft spürt, eines nicht: Entdeckt euch selbst, bleibt neugierig und nehmt euch euren Platz in der Welt! Sie hält trotz aller Krisen so viele Möglichkeiten parat – nutzt sie!