28. Juni 2025

Inner Wheel – „Frauen als Leistungsträgerinnen der Demokratie“

Aras hält Rede

Es gibt mir Kraft, es macht mir Mut, wann immer ich engagierte Menschen treffe: Menschen, die versuchen, die Welt ein kleines Stück besser zu machen. Die die Ärmel hochkrempeln, um anderen unter die Arme zu greifen. Und ganz besonders macht es mir Mut, gibt es mir Kraft, wenn ich sehe, wie sich diese Menschen vernetzen. Wenn sie ihre Hilfe bündeln und multiplizieren. Das beflügelt mich, und es berührt mich auch.

Weil es mitunter das Schönste ist, das Menschen tun können: sich gegenseitig stützen und stärken. Und deshalb freue ich mich sehr, heute hier bei Ihnen zu sein, bei einer weltweiten Gemeinschaft, die genau dies tut, seit der Gründung vor über 100 Jahren.

Freundschaft – über Generationen, Regionen und Kulturen hinweg. Soziales Engagement. Internationale Verständigung. Mit diesen Zielen hat Inner Wheel das Rad vielleicht nicht gänzlich neu erfunden, aber doch eine Menge ins Rollen gebracht. Und zwar nicht nur in der humanitären Hilfe, sondern auch in der Vernetzung von Frauen.

Schon im Ursprung von Inner Wheel verknüpfen sich diese zwei Komponenten: Wohltätigkeit und Empowerment. Was beides vereint, ist der Entschluss, nicht passiv zu bleiben, sondern aktiv zu werden: sichtbar zu sein in all der Fürsorge, statt im Hintergrund zu stehen, mitzuhelfen, aber auch mitzugestalten – und durch diesen doppelten demokratischen Akt einen wertvollen Beitrag zu leisten.
Was heißt das aber: „Einen wertvollen Beitrag leisten“? Auf diese Frage möchte ich meinen Impuls konzentrieren. „Frauen als Leistungsträgerinnen der Demokratie“. Das klingt ja erstmal sehr provokativ. Soll es auch, ich möchte ja Ihr Interesse wecken!

Liebe Gäste,

dieser Tage wird ja ziemlich viel über Leistung diskutiert. Von Care- und Beziehungsarbeit, vom gesellschaftlichen Zusammenhalt, ist da aber keine Rede! Es wird stattdessen leider oft so getan, als sei Leistung ausschließlich gleichzusetzen mit Einkommen oder gar Vermögen.

Ich finde ehrlich gesagt, das ist ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die sich kümmern und die pflegen. Die dafür sorgen, dass Kinder ihre Freunde treffen können. Die für den Sportverein einen Kuchen backen, damit der Verein Geld spart, Einkünfte hat und damit die Jugendarbeit intensivieren kann. Die alleinerziehend, trotz vielleicht großer Geldsorgen, in der Nachbarschaftshilfe aktiv sind. Die sich ehrenamtlich dort engagieren, wo keine Kamera hinschaut, kein großes Gerät bewegt wird. Oder wo gar angenommen wird, dass es doch eine Selbstverständlichkeit sei, sich unentgeltlich und nicht wertgeschätzt für andere einzusetzen.

Das ist keine rein weibliche Eigenschaft. Aber statistisch sind Frauen überproportional damit konfrontiert. In den Worten der Soziologin und Professorin Dr. Jutta Allmendinger: „Wir sprechen von einer Arbeitsgesellschaft und verengen den Arbeitsbegriff meist sofort auf bezahlte Erwerbstätigkeit. Das sollten wir nicht tun. Denn damit lassen wir die vielen Arbeiten verschwinden, die Frauen tagtäglich tun.“ Sie fordert: „Wir müssen den Weg von einer Erwerbstätigkeitsgesellschaft zu einer Tätigkeitsgesellschaft suchen.“ Und prophezeit, dass „dieses Modell, das Care-Arbeit berücksichtigt, nicht mit einem geringerem Arbeitsvolumen einhergeht, wahrscheinlich aber mit einer höheren Produktivität.“

Es gibt da diese irrsinnige Erzählung, dass nur die obersten Spitzenverdiener die Leistungsträger in der Gesellschaft seien. Dem muss ich entschieden widersprechen: Wären wirklich nur die Wohlhabendsten und wirtschaftlich Erfolgreichsten die Leistungsträger unserer Gesellschaft, dann wäre Leistung ja ein Privileg! Dann könnten die Allermeisten gar nicht zu Leistungsträgern werden: weil sie in der Regel gar nicht so weit nach oben kommen, sondern systematisch ausgebremst werden!

Das gilt dann nicht zuletzt für uns Frauen, die an der Spitze oft stark unterrepräsentiert sind. In dieser Logik wäre also die Schlussfolgerung, dass Frauen weniger leisten. Und diese Schlussfolgerung ist komplett daneben.

Denn, und das ist der zentrale Punkt: Leistung ist doch nicht nur eine Frage der Wirtschaft, sondern ganz stark auch eine Frage der Gemeinschaft! Leistung sollte doch danach beurteilt werden, ob ein Mensch nach seinen Möglichkeiten etwas zum Gemeinwohl beiträgt: Das kann finanzieller Natur sein, ja, aber das muss es nicht. Leistung ist auch, dafür zu sorgen, unsere Gesellschaft zusammenzuhalten.
Denken wir etwa an all die ehrenamtlich tätigen Frauen! An all diejenigen, die sich sozial engagieren, wie Sie alle bei Inner Wheel. Denken wir an all die Frauen, die einen Großteil der unbezahlten Care- und Beziehungsarbeit übernehmen, nämlich – laut Gender Care Gap – durchschnittlich über 40 Prozent mehr als Männer: Frauen mit verschiedenen Arbeitszeitmodellen bis hin zur Vollzeit, auf unterschiedlichen Stufen der sogenannten Karriereleiter: Bei allen kommt der Mental Load noch hinzu, da Sorge um die Sorgearbeit rund um die Uhr mitläuft. Denn: Care- und Beziehungsarbeit ist ja niemals ganz getan!

Seit der Pandemie kennen wir den Begriff der systemrelevanten Berufe, die sehr anspruchsvoll sind und als klassische Care-Berufe gelten. Und ich erlaube mir hier das generische Femininum zu verwenden, da zwei Drittel von ihnen weiblich sind und Männer daher mit gemeint sind: Erzieherinnen, Pflegerinnen, oder Hebammen.

Wenn man es so betrachtet, meine Damen und Herren, wenn man diesen erweiterten Leistungsbegriff als Maßstab nimmt, dann sind in der Tat vor allem Frauen die Leistungsträgerinnen unserer Demokratie! Das ist Leistung im demokratischen Sinne! Es verwundert nicht, dass die Gründerin von Inner Wheel eine Krankenschwester war, die also Wohltätigkeit als Beruf und als Berufung verstand.

Liebe Gäste,

einen Beitrag zu leisten, zur Leistung beizutragen, hat oft mit Wohlstand gar nichts zu tun. Ganz im Gegenteil: Einen Beitrag zu leisten, zur Leistung beizutragen, ist oft viel zu schlecht oder gar nicht bezahlt. Und oft viel zu wenig oder gar nicht gewürdigt. Darauf aufmerksam zu machen und es im Schulterschluss mit engagierten Frauen und Männern wie Ihnen zu ändern, das begreife ich als meine Mission: als Politikerin, Mutter, Unternehmerin und Landtagspräsidentin.

Demokratie lebt von der Idee, dass wir es morgen ein bisschen besser haben können als heute. Und daran zu arbeiten, kann großes Glück mit sich bringen. Ich finde, wenn man sich mit Inner Wheel beschäftigt, merkt man Ihrer Arbeit auch eine große Freude an. Ich finde es unglaublich schön, dass Sie sich als Freundinnen bezeichnen und betrachten. Denn auch das gehört ja dazu: Leistung – im demokratischen Sinne –verbindet miteinander!

Liebe Inner-Wheelerinnen,

ich weiß aber auch: Die Welt ein bisschen besser machen zu wollen, für Freundschaft, Nächstenliebe und Völkerverständigung zu arbeiten, ist derzeit nicht leicht. Manchmal ist es sogar unglaublich frustrierend.

Wenn wir heute in die Welt blicken, auf den politischen Wahnsinn, der vielerorts um sich greift, könnte man leider denken: Die Welt dreht sich derzeit genau in die entgegengesetzte Richtung zur Zielrichtung von Inner Wheel – zur Zielrichtung aller, die für ein Miteinander einstehen. Die Zeiger der Zeit scheinen sich gegen den Uhrzeigersinn zu drehen, zurück in die Vergangenheit. Die Grundpfeiler unseres Zusammenlebens – wie Toleranz, Respekt und Empathie – haben einen schlechten Stand. Politische Leitideen unserer Gesellschaft – wie die Orientierung an der Vernunft und am Gemeinwohl – geraten zunehmend in den Hintergrund, wenn nicht sogar in Vergessenheit.

Auch das hat mit Geschlechterrollen zu tun. Eine große gesellschaftspolitische wie geopolitische Gefahr geht derzeit von Männern aus, die sich vor Gleichheit fürchten. Von Männern, die lieber alles mit sich in den Abgrund reißen, als sich zu hinterfragen. Das gilt für den autokratischen Gewaltherrscher und Kriegstreiber genauso wie für den gewalttätigen Mann, der seine Ex-Partnerin umbringt, weil sie sich von ihm trennt.

Und während viele junge Männer leider immer stärker zum Autoritarismus und zu extrem rechten Positionen tendieren, sind es vor allem junge Frauen, die für eine gerechtere Zukunft einstehen. Zu diesem Ergebnis kam 2024 die Shell-Jugendstudie. Diese Entwicklung erfüllt mich wirklich mit Sorge: So elementar es ist, Mädchen zu ermutigen und alte Denkmuster zu durchbrechen, so wichtig ist es auch, Jungs dafür zu begeistern. So elementar es ist, dass sich Frauen vernetzen und gegenseitig stärken, so wichtig ist es auch, Männer noch stärker zu Adressaten des Feminismus zu machen. Nur so entziehen wir dem kraftmeierischen, breitbeinig polternden Populismus den Nährboden!

Liebe Gäste,

wir wissen, dass es immer auf das Konto von Extremisten einzahlt, wenn man bei den Ärmsten spart! Daher möchte ich noch einmal auf den Leistungsbegriff zurückkommen: Wenn so getan wird, als wären die Menschen, die auf Bürgergeld angewiesen sind, alle nicht willens zu arbeiten und würden dennoch ein sorgenfreies Leben führen; wenn die Bedürftigsten pauschal als Leistungsverweigerer dargestellt werden und die Aller-Reichsten pauschal als Leistungsträger: wenn die eine Leistung gesehen wird und die andere nicht – bei Frauen wie bei Männern –, dann halte ich das nicht nur für ungerecht, sondern auch für grundlegend falsch.

Und ich sage ganz offen: Wer mit Populismus spaltet, wer Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausspielt, der ist – finde ich – der eigentliche Leistungsverweigerer!

Ich habe es ausgeführt: Frauen sind für mich die oft unbemerkten Leistungs-trägerinnen der Demokratie! Umso mehr freue ich mich, wenn Frauen – so wie heute sichtbar und freudig – ihr Wirken für eine demokratische und solidarische Gesellschaft feiern! Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Arbeit: Ihr ehrenamtliches Engagement für Völkerverständigung, für soziale Gerechtigkeit, Bildung, Gesundheit und nachhaltige Entwicklung.

Danke für Ihre Leistung für unsere Demokratie!