Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus 2026

Hält die Gedenkrede: Landtagspräsidentin Muhterem Aras
Verehrte Gäste,
heute, 81 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, gedenken wir der Seelen aller Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, vertrieben und ermordet worden sind!
Wir gedenken der sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden.
Wir gedenken der bis zu 500.000 ermordeten Sinti und Roma.
Wir gedenken der ermordeten Zeugen Jehovas.
Wir gedenken der ermordeten Menschen mit Behinderung.
Wir gedenken der ermordeten queeren Menschen.
Wir gedenken der ermordeten Menschen, die als „asozial“ beschimpft und herabgesetzt wurden.
Wir gedenken der ermordeten Kriegsdienstverweigerer.
Wir gedenken der ermordeten Oppositionellen.
Wir gedenken der ermordeten Menschen aus dem aktiven und passiven Widerstand.
Wir gedenken der ermordeten Jenischen.
Jedes Jahr legen wir den Schwerpunkt des Gedenkens auf eine andere Gruppe. Dieses Jahr liegt er auf der Volksgruppe der Jenischen: auf ihrer Ausgrenzung, auf ihrer Verfolgung, aber auch auf ihrer Kultur.
Von Herzen danke ich den Menschen, die diesen Schwerpunkt heute mitgestalten:
Herrn Dr. Weinrich, für seinen Fachvortrag zur Ausgrenzungsgeschichte der Jenischen vor, während und nach der NS-Zeit; den Schülerinnen und Schülern der Zeppelin-Realschule Singen für ihren Beitrag „Leben – Erinnern – Jenisch sein“; und Ihnen, Herr Trapp und Band, für die musikalische Umrahmung.
Lieber Herr Trapp,
Sie haben uns heute zudem einen Film mitgebracht, der draußen, im Anschluss an die Gedenkstunde, zu sehen ist. Und Sie haben uns historische Dokumente mitgebracht. Im Film sowie in den Dokumenten erhalten wir Einblick in Ihre Familiengeschichte – und damit in die Geschichte der Jenischen.
Ihr Urgroßvater, Viktor Berger, war Korbmacher und Handelsreisender. Als junger Mann gründet er mit seiner Frau Luise in Lahr im Schwarzwald eine Familie mit fünf Kindern. Viktor und Luise erleben die Vorurteile, die den Jenischen – und auch Juden, Sinti und Roma – aus Behörden und Bevölkerung entgegenschlagen: von einer „Plage“ ist die Rede. Reisende werden als Räuber verleumdet. Jenische werden mit dem Z-Wort gebrandmarkt und als „asozial“ und „arbeitsscheu“ bezeichnet. Das ist auch deshalb so böswillig, weil zu ihnen das Handwerk, der Handel, der Fleiß gehören.
Als die Nationalsozialisten an die Macht gelangen, gießen sie ihren Rassenwahn in Gesetze. Darunter das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“: Wer nicht der Rassenvorstellung der Nazis entspricht, ist von Zwangssterilisation bedroht. Auch Viktor Berger erfährt dieses Leid. Als Opfer der sogenannten „Aktion Arbeitsscheu Reich“ gelangt er in die Fänge des Regimes. Er wird willkürlich verhaftet und verschleppt und zur Zwangsarbeit im KZ Buchenwald verdammt. Dort zertrümmert man ihm, so erzählt er später, mit einem Gewehrkolben das Auge. In der offiziellen Begründung heißt es: Er habe ohne Schutzbrille im Steinbruch gearbeitet und sei selbst an der Verletzung schuld. Er kann das Lager eines Tages verlassen, aber die Nazis lassen nicht von ihm ab. Das Gesundheitsamt in Lahr erzwingt seine Sterilisation.
Viktor Berger hat mit seiner Familie die NS-Zeit überlebt. Zeit seines Lebens hat er versucht, für die Gräueltaten des Regimes entschädigt zu werden. Vergeblich. Die Behörden bezogen sich in ihrer Ablehnung auf die Vermerke der Nazis – oder gleich auf ihre Ideologie. Auch das gehört zur bitteren Wahrheit der Nachkriegsgeschichte!
Der heutige Tag dient dazu, an Geschichten wie die von Viktor Berger zu erinnern. Daran zu erinnern, wie gefährlich das Vorurteil ist. An das Unrecht der NS-Zeit zu erinnern und an das Unrecht danach. Zu erinnern an die Namen und Schicksale der Betroffenen.
Herr Trapp,
in Ihrer Musik, die wir heute hören, klingt die Leidensgeschichte der Jenischen an. Wir hören Trauma und Trauer heraus und eine tiefe Sehnsucht nach Sicherheit! Wir lauschen zugleich einer reichen Sprache – und horchen in die Vielfalt hinein, die unser Land ausmacht und immer ausgemacht hat! Ich bin stolz, dass der Landtag von Baden-Württemberg Jahr für Jahr gemeinsam auch mit den Jenischen gedenkt. Denn, um es klar zu sagen: Die Jenischen sind Teil von Europa, Teil von Deutschland und Teil von Baden-Württemberg! Und ich bin froh, dass sie sich nicht mehr verstecken müssen, ihre Kultur zelebrieren und unser Land bereichern!
Auch Reisende können verwurzelt sein. Und die Jenischen sind hier verwurzelt. Die jenische Sprache zum Beispiel ist sehr stark im Deutschen verwurzelt, und sie ist eng verzweigt mit anderen Sprachen wie Romanes und Jiddisch. Es ist eine Sprache, die Sie, Herr Trapp, und andere Jenische überliefern und erhalten. Eine Sprache, die einst zum Selbstschutz entstand – zum Schutz vor Verfolgung über Jahrhunderte –, und die heute selbst als Kulturerbe geschützt werden soll.
Eine Sprache voller Bilder und liebenswürdiger Begriffe:
„Schall“, so habe ich gelesen, bedeutet „Gesang“. „Läufling“ bedeutet „Fuß“. Und „Steinhäufle“ ist die „Stadt“.
Von Steinhäufle zu Steinhäufle zu ziehen, von Ort zu Ort, gehörte seit jeher zur jenischen Kultur. Aber von Ort zu Ort traf sie jahrhundertelang auch Feindseligkeit. Da war dieser Teufelskreis aus Vorurteil, Ausgrenzung, Vertreibung und Nomadentum: Die Jenischen wurden nicht als zugehörig betrachtet. Aber aus dem Ausgegrenzt-Sein wiederum wurde ihnen ein Strick gedreht.
Der Tag des Gedenkens hält uns vor Augen, wohin Feindseligkeit und Ausgrenzung führen. Im Nationalsozialismus führten sie in die Vernichtung.
„Mores“ heißt „Angst“. „Mulo“ heißt „Tod“.
Aber für die Verbrechen der Nationalsozialisten gibt es kein Wort – nicht im Jenischen und nicht in einer anderen Sprache –, kein Wort, das all die Grausamkeit beschreibt. Die Nazis haben Menschen sortiert: Bürokratisch. Akribisch. Kaltblütig. Im Raster des Rassenwahns, nach mörderischen Mustern. All die Rubriken der Feindseligkeit hatten dasselbe Ziel: Menschen ihre Würde abzusprechen. Sie nicht mehr als Menschen zu sehen. Zu entscheiden, wer leben darf und wer nicht.
Meine Damen und Herren,
wir spüren auch in der Gegenwart, wie das Gift des Rechtsextremismus in unserer Gesellschaft einsickert. Wir erleben den rasanten Anstieg von Hass und Gewalt. Laut Bundesinnenministerium sind vergangenes Jahr über 1160 rechtsextreme Gewaltverbrechen verübt worden. Über 200 Morde durch rechte Gewalt hat es seit der Wiedervereinigung gegeben. Darunter in Halle und Hanau und München. Wir erleben Antisemitismus. Rassismus. Antiziganismus. Queerfeindlichkeit. Die Verachtung von Inklusion. Und Sozialdarwinismus. Häufig geht unter, dass auch die sozial Benachteiligten gezielte Opfer rechter Gewalt sind. Menschen, die wohnungslos sind, arbeitslos, mitunter suchtkrank. Statt diesen Menschen wieder auf die Beine zu helfen, treten Rechtsextreme nach unten.
All dieser Hass wird über lange Zeit geschürt und über Sprache entzündet. „Asozial“ und „arbeitsscheu“ zum Beispiel sind auch heute geläufige Ressentiments. Da wird der Mensch aufgrund von Armut abgewertet. In anderen Fällen wird er aufgrund seiner Hautfarbe abgewertet. Oder weil er anders glaubt. Oder weil er woanders herkommt. Oder weil er anders liebt. Wieder werden Menschen einsortiert in die Rubriken der Feindseligkeit.
Wir hören den Landesvorsitzenden der AfD in Baden-Württemberg, der auf offener Bühne einen Ministerpräsidenten als „körperlich und geistig behindert“ bezeichnet und belustigt sagt: „Aber wir lassen ihn leben.“
Wenn wir eines aus der Geschichte gelernt haben müssen, meine Damen und Herren, dann dies:
- Erstens: Mit der Sprache fängt es an.
- Zweitens: Nehmt sie beim Wort! Nehmt ihre Aussagen ernst! Denn sie lassen ihnen Taten folgen, wenn man sie nicht stoppt!
- Und drittens: Wir müssen ihnen rechtzeitig mit aller Macht begegnen, damit sie niemals wieder Macht erlangen!
Unser Grundgesetz ist glasklar: Alle Menschen haben Würde. Eine unantastbare Würde, die durch nichts und niemanden in Frage gestellt werden darf! Niemals! Und wir alle haben die Pflicht, diese Würde zu achten und zu schützen!
Feindseligkeit ernährt sich von Feigheit. Von der Feigheit, wegzuschauen, wenn Unrecht geschieht. Von der Feigheit, die Dinge nicht beim Namen zu nennen. Von der Feigheit, in vorauseilendem Gehorsam jeglichen Widerstand aufzugeben: in Wirtschaft, Wissenschaft, Medien, Politik. Von der Feigheit, – auf den eigenen Vorteil bedacht – seine Werte zu verkaufen.
Wenn alle so handeln, ist niemand mehr sicher.
Wir als Gesellschaft aber müssen mutig sein! Müssen entschieden sein! Müssen als Mehrheit wehrhaft sein. Denn wir sind die Mehrheit! Wir haben eine wehrhafte Verfassung! Wir haben die Mittel und die Menschen, diese Feindseligkeit abzuwehren!
Nehmen wir diejenigen in Schutz, die verletzlich sind, deren Würde am meisten bedroht ist; nehmen wir sie in Schutz, in Wort und in Tat! Auch, wenn es uns etwas abverlangt! Tun wir es nicht, bricht das Unrecht früher oder später auch über uns hinein. Jede und jeder von uns muss eine Säule sein, die diesen Rechtsstaat trägt.
Dies ist unsere Pflicht im Angesicht der Geschichte!
Dies ist unsere Pflicht als Demokratinnen und Demokraten.
Dies ist unsere Pflicht als Mensch!
Meine Damen und Herren,
ich bin Ihnen deshalb sehr dankbar, dass wir heute hier ein Zeichen für das Erinnern setzen. Dankbar für die Erinnerungsarbeit der Stadt Herbolzheim! Und ich bin dankbar, dass wir heute zugleich die Vielfalt in unserem Land zelebrieren. Die Vielfalt, die unser Grundgesetz ermöglicht. Die Vielfalt auch der Sprachen, der Musik, die Vielfalt all der Wurzeln, all der Zweige und all der Blüten unserer Gesellschaft!
Liebe Gäste,
im Anschluss an unsere Gedenkstunde wird hier in Herbolzheim ein Gedenkbaum gepflanzt. Eine Trauerweide. Sie soll an den heutigen Tag und an das heute Gesagte erinnern; ein lebendiges Denkmal für die Opfer sein und ein Sinnbild für das Überleben.
Möge sie gedeihen!
Möge sie tiefe Wurzeln schlagen und jedes Jahr erneut erblühen.
Möge sie sich – wie wir uns heute – in Trauer verneigen.
Möge sie langlebig sein wie unsere Erinnerung.
Und möge sie standhaft sein – im Sturm und Frost der jeweiligen Zeit –, wie unsere Demokratie!