Gedenkstunde des Landtags beleuchtet das Schicksal der verfolgten Jenischen

Stuttgart. Mit einer Gedenkfeier in Herbolzheim erinnert der Landtag von Baden-Württemberg gemeinsam mit der Stadt Herbolzheim am Dienstag, 27. Januar 2026, an alle Opfer des Nationalsozialismus. Der Schwerpunkt der Gedenkstunde liegt 2026 auf der Volksgruppe der Jenischen. „Gedenkarbeit ist ein Kernanliegen dieses Landtags. Am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau, gedenken wir jährlich bewusst mit allen Opfergruppen gemeinsam und fokussieren jeweils eine andere Gruppe. Ich bin stolz, dass wir immer auch mit den Jenischen gedenken und dieses Jahr ihre Geschichte und Kultur in den Fokus rücken. Denn sie sind Teil von Europa, Teil von Deutschland und Teil von Baden-Württemberg“, sagt Landtagspräsidentin Muhterem Aras. 

Die Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus beginnt um 11.00 Uhr im Bürgerhaus in Herbolzheim-Tutschfelden. Grußworte sprechen zu Beginn der Veranstaltung der Bürgermeister der Stadt Herbolzheim, Thomas Gedemer, und der Vorsitzende des Fördervereins der Jenischen und anderer Reisender e.V., Alexander Flügler. Im Anschluss folgen die Gedenkrede von Landtagspräsidentin Muhterem Aras sowie ein Fachvortrag des Kulturpsychologen Dr. Boris Weinrich. Der Titel des wissenschaftlichen Vortrags lautet „Verfolgung und Schicksal der Jenischen – Eine Geschichte deutscher Paria“. Zudem gibt es einen Beitrag von Schülerinnen und Schülern der Zeppelin-Realschule Singen mit dem Titel „Leben-Erinnern-Jenisch sein“. Die Geschichts-AG der Schule hatte sich bereits zuvor mit dem Schicksal der Jenischen auseinandergesetzt und dabei einen Beitrag zur Erinnerungsarbeit geleistet. Musikalisch begleitet wird die Veranstaltung von Mano Trapp und seiner Combo MANOU. Im Anschluss an die Gedenkstunde besteht die Möglichkeit zu Begegnungen mit Opfergruppen, die an mehreren Infoständen ihre Arbeit präsentieren. Auch die Landeszentrale für politische Bildung, die die Gedenkstättenarbeit in Baden-Württemberg unterstützt und koordiniert, ist mit einem Infostand vertreten.

Bereits vor der Gedenkstunde im Bürgerhaus findet um 10.30 Uhr am Denkmal für die Angehörigen der aus Herbolzheim deportierten Sinti-Familie Spindler ein Stilles Gedenken statt. Dabei werden Präsidentin Aras, Bürgermeister Gedemer und Vorsitzender Flügler einen Trauerkranz niederlegen. Das Mahnmal, ein aus drei Stelen zusammengesetztes Dreieck, erinnert an die Deportation der 14-köpfigen Familie Spindler sowie Rosa Wagner mit ihrer neun Monate alten Tochter Juliata, die sich bei der Familie zu Besuch aufhielten. Am 24. März 1943 wurden die 16 Männer, Frauen und Kinder verhaftet und mit einem Deportationszug nach Auschwitz gebracht. Von den Deportierten überlebten nur die Brüder Lorenz und Franz Spindler. Sie wurden 1945 im KZ Buchenwald befreit. Der Gedenkort hat eine besondere symbolische Bedeutung: Der Standort markiert eine Stelle, die die Verhafteten auf dem Weg zum Deportationszug passieren mussten.

Im Anschluss an die Gedenkstunde ist eine Baumpflanzung in fußläufiger Entfernung zum Bürgerhaus vorgesehen. Dabei werden Landtagspräsidentin Aras und Bürgermeister Gedemer symbolisch eine Trauerweide einpflanzen, die an die Gedenkstunde erinnern soll.

Die Jenischen sind eine Volksgruppe mit nomadischer Tradition, deren Ursprünge nicht vollständig aufgeklärt sind. In der NS-Zeit wurden Jenische systematisch aus antiziganistischen oder sozialdarwinistischen Motiven verfolgt und als „fahrendes Volk“ oft als vorgeblich „asozial“ oder „arbeitsscheu“ gebrandmarkt. Die Jenischen in Europa werben um eine Anerkennung als Ethnie. In Deutschland wird die Anerkennung als nationale Minderheit derzeit von der Bundesregierung geprüft.