Ernst Reichle

Parlament

1920
Landtag des freien Volksstaates Württemberg (SPD, Wahlkreis 12 Göppingen-Geislingen)

Partei vor 1933 Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)

nach 1945 Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)
Geburt 23.09.1879, Cannstatt (Stuttgart)
Erste Ehe
Luise geb. Schöllkopf (1905)
Zweite Ehe
Hedwig Magdalene geb. Hagmaier (1947)
Beruf Mechaniker, Gewerkschaftsfunktionär
Kinder 3
Konfession Evangelisch
Verstorben 10.09.1948, Geislingen an der Steige

Verfolgung

27.03.1933
Reichle wird am 27. März 1933 aus politischen Gründen seine Mietwohnung gekündigt.

28.03.1933
Die NS-Behörden wollen Reichle am 28. März 1933 in Schutzhaft nehmen. Reichle kann sich jedoch der Verhaftung entziehen, indem er in die Schweiz flieht.

02.05.1933
Reichle ist Geschäftsführer des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes (DMV) in Geislingen. Am 2. Mai 1933 wird er im Zuge der Auflösung der Gewerkschaften durch die NS-Behörden entlassen.

13.05.1933
Reichle kehrt am 13. Mai 1933 aus dem Exil in der Schweiz nach Deutschland zurück. Am 16. Mai 1933 wird er in Geislingen verhaftet. Am 30. Mai 1933 verurteilt ihn das Amtsgericht Geislingen wegen Passvergehens und des illegalen Besitzes von Schusswaffen zu 13 Monaten Haft. Inhaftiert wird Reichle zunächst im Konzentrationslager Heuberg sowie im Garnisons-Arresthaus in Ulm. Dort unterschreibt Reichle am 22. Oktober 1933 mit sieben anderen sozialdemokratischen Gefangenen eine Loyalitätserklärung an den württembergischen Reichsstatthalter Wilhelm Murr. Die Loyalitätserklärung erscheint am 11. November 1933 im Staatsanzeiger für Württemberg (»Vorbehaltlos auf der Seite des Vaterlandes«) und am 13. November 1933 im Ulmer Tagblatt (»Treuebekenntnis einstiger Sozialdemokraten«). Reichle verbringt den Rest seiner Haftstrafe in Vaihingen an der Enz, im Gerichtsgefängnis Esslingen und in Rottenburg. Am 8. September 1934 wird er aus der Haft entlassen.

nach 1933
Reichles Wohnung wird mehrfach von den NS-Behörden durchsucht. Ein Teil seiner politischen Bücher wird beschlagnahmt.

1933
Reichles Sohn Robert (geb. 27. März 1918) soll 1933 in der Zahnklinik in Geislingen eine Lehre als Zahntechniker beginnen. Nach der Verhaftung seines Vaters wird ihm die Lehrstelle jedoch verweigert. Robert Reichle muss deshalb bei einem Malermeister in die Lehre gehen.

nach 1933
Reichles Sohn Ernst (geb. 9. Juni 1910) ist Student an einer Kunstakademie. Aus politischen Gründen wird er exmatrikuliert.

22.08.1944
Reichle wird am 22. August 1944 im Rahmen der »Aktion Gewitter« verhaftet. Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands wird er jedoch für haftunfähig befunden und wieder entlassen.

Biografie

Lehre als Mechaniker

1907
Vorsitzender des SPD-Ortsvereins in Fellbach

Tätigkeit als Mechaniker und Werkzeugmacher

1913
Gewerkschaftssekretär des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes (DMV) in Göppingen

1913
Mitglied des Vorstands der Ortskrankenkasse Göppingen

1914
Mitglied des Gemeinderats der Stadt Göppingen

ab 1914
Aufsichtsratsmitglied des Konsumvereins Göppingen

Dezember 1918
Delegierter beim 1. Reichsrätekongress in Berlin

Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold

1921
Geschäftsführer des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes (DMV) in Geislingen an der Steige

1927
Vorsitzender des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Geislingen an der Steige

1934
Arbeitslos

ab Januar 1936
Selbstständiger Vertreter bei der Firma Basler Lebensversicherungen

26.04.1945
Oberbürgermeister von Geislingen an der Steige, von der US-amerikanischen Militärregierung kommissarisch ernannt

Literatur

Karlheinz Bauer: Geschichte der Stadt Geislingen an der Steige. Vom Jahre 1803 bis zur Gegenwart, 2, Konstanz o. J., S. 140, 142, 183-184.

Schumacher 1995, S. 127.

Schröder 1995, S. 670.

Mittag 1997, S. 179.

Raberg 2001, S. 706-707.

Weik 2003, S. 318.

Nicola Wenge: »Das System des Quälens, der Einschüchterung, der Demütigung...«. Die frühen württembergischen Konzentrationslager Heuberg und Oberer Kuhberg, in: »...der schrankenlosesten Willkür ausgeliefert«. Häftlinge der frühen Konzentrationslager 1933-1936/37, hrsg. von Jörg Osterloh, Kim Wünschmann, Frankfurt, New York 2017, S. 137.

Dokumente

»Treubekenntnis einstiger Sozialdemokraten«

Als Häftling im Garnisons-Arresthaus in Ulm unterschrieben Reichle und sieben weitere sozialdemokratischen Gefangenen angeblich am 22. Oktober 1933 eine Loyalitätserklärung an den württembergischen Reichsstatthalter Wilhelm Murr. Die Loyalitätserklärung erschien am 13. November 1933 im Ulmer Tagblatt unter dem Titel »Treuebekenntnis einstiger Sozialdemokraten«.

»Man hat ihn«

Die Geislinger Zeitung berichtete am 16. Mai 1933 von Reichles Verhaftung in dessen Geislinger Wohnung.