04. Dezember 2025

Festrede 200 Jahre Kreiszeitung Böblinger Bote

Landtagspräsidentin Aras bei ihrer Rede am Redepult

Ich freue mich sehr, heute bei Ihnen in Böblingen zu sein und mit Ihnen den Ursprung der Kreiszeitung Böblinger Bote vor 200 Jahren zu feiern.

Sehr geehrte Gäste, wo heute die S1 zwischen Böblingen und Stuttgart pendelt, wo sich Menschen in der Mineraltherme erfrischen, wurde vor 500 Jahren mit der Schlacht von Böblingen der Bauernaufstand in Württemberg zerschlagen. Tausende aufständische Bauern verloren ihr Leben. Der Heerführer des Schwäbischen Bundes, Truchsess Georg III von Waldburg, konnte es kaum erwarten, seine Herren über seinen Sieg zu informieren: „Diese erfreuliche neue Zeitung wollten wir Euch in aller Eile nicht vorenthalten“, schrieb er noch am selben Tag.

Damals war eine „Zeitung“ eine Nachricht, weniger für die Öffentlichkeit, sondern zwischen zwei Personen. In dem Fall die erfreuliche Nachricht für den Adel, dass vor den Toren Böblingens der Traum der Bauernschaft ein blutiges Ende fand. Für die anderen die niederschmetternde Nachricht, dass der Traum von mehr Rechten, mehr Mitbestimmung und der Freiheit von der Leibeigenschaft begraben war. 

Was man konkret forderte, da waren sich die Aufständischen im Detail nicht immer einig. Sie konnten sich jedoch auf die „12 Artikel von Memmingen“ einigen. Unter anderem sollten die Bewohner eines Ortes ihre Pfarrer ein- und absetzen dürfen. Steuern sollten auch der Allgemeinheit zugutekommen, wie auch das Wild und das Feuerholz im Wald. Und Recht gesprochen werden sollte nach einheitlichen Standards, nicht willkürlich durch die Obrigkeit. Diese Forderungen wurden in zwei Monaten 25.000-mal als Flugschrift gedruckt, die Stimme der Bauern verbreitete sich so im Reichsgebiet von Zürich bis Breslau. Sie waren eine der Ersten, die das neue Kommunikationsmittel für politische Botschaften nutzten. Und auch wenn der Aufstand von 1525 aus Sicht der Bauern in einer Niederlage endete, so überlebten ihre Ideen, weil sie niedergeschrieben und verbreitet wurden.

Meine Damen und Herren, Ideen, Informationen und Diskurs brauchen ein Medium! Seit 200 Jahren sind Sie dieses Medium für die Menschen im Landkreis Böblingen: Sie stellen Fragen, recherchieren, bieten Kontext. Sie geben Menschen, ihren Geschichten und Anliegen, eine Stimme. Sie liefern die gesellschaftlichen Ereignisse direkt in unsere Wohnzimmer und sind damit wichtiges Bindeglied zwischen der Gemeinschaft und uns als Individuen. Davon lebt unsere Demokratie; davon, dass wir uns als Teil einer gemeinsamen Erzählung verstehen. Gerade jetzt, da viele große Medien oder Parteien gar nicht mehr zu einem Teil der Gesellschaft durchdringen, braucht es verständliche, differenzierte Berichterstattung vor Ort: lokal und regional. Eine Berichterstattung, die die Filterblasen zum Platzen bringt.

Was am 6. Dezember 1825 ganz unscheinbar mit einer Titelseite bestehend aus einem Wohnungsgesuch, einem Gesuch nach einer Marmorplatte und einem Angebot eines englischen Sattels in „ganz guter Kondition“ begann, hat nun schon 200 Jahre Bestand! 

Dazu gratuliere ich Ihnen ganz herzlich! 

Ich danke Ihnen für Ihre Arbeit, in der Redaktion, in der Druckerei, in der IT oder in der Zustellung. Sie tragen dazu bei, dass Leserinnen und Leser in Böblingen, Sindelfingen und Herrenberg, im Schönbuch und Weil der Stadt, an sechs Tagen die Woche einen strukturierten Einblick in die Informationsflut bekommen. Meine Damen und Herren, kurz bevor der Böblinger Bote 1845 seinen heutigen Namen erhielt, schrieb ein junger Journalist in Köln für die neu gegründete „Rheinische Zeitung“ zum Thema der Pressefreiheit. Sein Name war Karl Marx. Und in seinem Artikel fragte er: „Ist die Presse frei, die sich zum Gewerbe herabwürdigt?“ Die Antwort, die der Begründer des Marxismus gab, können Sie sich vorstellen. 

Heute hat die freie Verfügbarkeit von Informationen im Internet und durch KI-Agenten dazu geführt, dass wir allzu oft vergessen, dass hochwertige Informationen einen Wert haben. Immer weniger Menschen sind bereit, für Qualitätsjournalismus zu bezahlen. Doch dabei sollten wir alles für den Erhalt einer vielfältigen und freien Presse tun! Warum sie wichtig ist, hat wahrscheinlich niemand treffender zusammengefasst als die herausragende Philosophin Hannah Arendt. Heute, am 4. Dezember, ist ihr 50. Todestag. In ihrem letzten Lebensjahr appellierte sie in einem Interview: „In dem Moment, in dem wir keine freie Presse mehr haben, kann alles passieren. Was die Herrschaft einer totalitären oder einer anderen Diktatur ermöglicht ist, dass die Menschen nicht informiert sind. [Denn] wenn man ständig belogen wird, ist die Folge nicht, dass man die Lügen glaubt, sondern dass niemand mehr irgendetwas glaubt. Ein Volk, das nichts mehr glauben kann, kann sich auch nicht mehr entscheiden. [...] Und mit einem solchen Volk kann man dann machen, was man will.“

Liebe Gäste, eine freie Presse – und vor allem unser Lokaljournalismus ist Teil der kritischen Infrastruktur unserer Demokratie. Sie lebt von mündigen Bürgerinnen und Bürgern, von aufgeklärten Wählerinnen und Wählern. Gerade in Zeiten populistischer Einfalt braucht unsere Demokratie deshalb – mehr denn je – journalistische Sorgfalt. Demokratie braucht – schwarz auf weiß – die verlässliche und vertrauensvolle Information, gerade in Zeiten von Trollfabriken und Desinformationskampagnen. Gerade im erregten Surren und Schnarren unzähliger Kanäle und Kommentare braucht Demokratie die klare Stimme der Presse, die einordnet und gegenprüft! Sie braucht die Besonnenheit einer guten Recherche – gerade im Turbotakt der Liveticker. Sie braucht professionelle Beiträge zur Streitkultur und Meinungsbildung, gerade jetzt, da sich Empörung und Wut immer ungehemmter Bahn brechen. Gerade in diesen Zeiten bin ich für die Arbeit von qualifizierten Journalistinnen und Journalisten unglaublich dankbar. Dafür, wenn Journalisten Haltung zeigen: für unsere Demokratie. Für die Werte unseres Grundgesetzes. Weil sie berichten, was ist. Weil sie auf Wahrheitssuche gehen und sich nicht einschüchtern lassen. Vielleicht sind sie sich dessen gar nicht bewusst, weil sie einfach nur Ihre Arbeit machen. Noch einmal in den Worten von Hannah Arendt: "Wo prinzipiell und nicht nur gelegentlich gelogen wird, hat derjenige, der einfach sagt, was ist, bereits zu handeln angefangen, auch wenn er dies gar nicht beabsichtigte."

Kurzum, meine Damen und Herren, brauchen wir in besonders schlechten Zeiten besonders guten Journalismus! Aber ich weiß: auch für den Journalismus selbst sind es schwere Zeiten! Zum einen: ökonomisch. Steigende Papierpreise. Energiepreise. Kosten der Auslieferung. Veränderte Lesegewohnheiten. Digitalisierung. Demografischer Wandel. All das: ein Berg von Herausforderungen. Politik muss die Rahmenbedingungen für guten Journalismus schaffen. Ich bin überzeugt: Daran sollten wir als Gesellschaft nicht sparen, sonst erwartet uns und unsere Demokratie eine ungleich höhere Rechnung. Eine finanzielle Vollbremsung an der falschen Stelle gefährdet die Demokratie! Wenn es darum geht, in den Journalismus zu investieren, sind alle in der Verantwortung: Die Politik, wenn es um den Schutz der Verlage geht. Die Verlage selbst, wenn es um die Einsparungen in den Redaktionen geht. Und schließlich die Leserinnen und Leser, wenn es um ihre Zahlungsbereitschaft geht. Unterstützung kam im November vom Landgericht München: Es urteilte, dass das KI-Unternehmen OpenAI der GEMA schadensersatzpflichtig ist für die Verwendung urheberrechtlich geschützter Texte. Ich hoffe, dass dieses Urteil rechtskräftig wird und auch Zeitungen und Verlage in Zukunft eine angemessene Vergütung erhalten, wenn ihre Texte zum Training von KI benutzt werden. 

Aber nicht nur ökonomisch sind es schwere Zeiten für den Journalismus, sondern auch, was das gesellschaftliche Klima anbelangt. Gerade weil die freie Presse ein tragender Pfeiler der Demokratie ist, greifen die Feinde der Demokratie immer auch die freie Presse an. Unwörter wie „Lügenpresse“, „Volksverräter“, „Alternative Fakten“ haben in den vergangenen zehn Jahren den Boden bereitet für Diskreditierung, Diffamierung und Hass. Auch gegen Journalistinnen und Journalisten. Die Stimmung gegen die, die sagen, was ist, ist seit einigen Jahren stark ins Negative gekippt. Längst bleibt es dabei nicht nur bei der verbalen Gewalt, bei Beleidigungen, Anfeindungen, Drohungen. Im vergangenen Jahr allein gab es laut „Reporter ohne Grenzen“ etwa 90 Übergriffe auf Medienschaffende in Deutschland, insbesondere bei Demonstrationen von Rechtsextremen und Verschwörungsideologen. Die Dunkelziffer ist sicherlich höher und jeder einzelne dieser Angriffe ist ein Angriff auf uns als freie Gesellschaft!

Hier ist die gesamte Härte des demokratischen Rechtsstaats gefragt, wenn es darum geht, die Pressefreiheit zu wahren! Liebe Gäste, mit der freien Presse haben wir ein unschätzbar hohes Gut, das es zu schützen gilt. Freie Medien kann es nur in einer Gesellschaft mit einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung geben. - Sie sind zwei Seiten derselben Medaille -. Wer die liberale Demokratie mit ihrer Meinungsfreiheit und vielfältigen Perspektiven erhalten will, schützt die freie Presse. Und wer eine vielfältige, freie Presse will, schützt Demokratie und Grundgesetz. Denn die Geschichte zeigt uns was passieren kann, wenn dieses Schutzverhältnis von innen ausgehöhlt und ins Wanken gebracht wird. Das sehen wir etwa im Lebenslauf des Unternehmers Alfred Hugenberg: Er selbst war kein Journalist, kaufte in der Weimarer Republik jedoch gezielt Zeitungen auf, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. So vervielfältigte er antisemitische Vorurteile, peitschte das Volk für einen Krieg auf und förderte die NS-Ideologie, indem sie alltäglicher Teil der morgendlichen Lektüre unzähliger deutscher Haushalte wurde. Mit seinem Medienimperium destabilisierte er den Diskurs in der jungen Demokratie erheblich: Jede zweite deutsche Zeitung wurde aus seinem Konzern mit Nachrichten versorgt: auch auf den ersten Blick unverfängliche Blätter wie „Die Gartenlaube“ und andere Illustrierte. Auch heute tobt der Kampf um Deutungshoheiten, um die Hegemonie im Diskurs. Und auch einzelne Verleger werfen ihre Reichweite auf Seiten der Demokratiefeinde in die Waagschale: Neurechte Verleger wie Götz Kubitschek. In einer Rede vor Schülern und Studenten in Sachsen-Anhalt rief er 2023 zu einem „Medienkrieg“, zu einem „geistigen Bürgerkrieg in Deutschland“ auf. 

Meine Damen und Herren, wir wissen, dass die Demokratiefeinde strategisch vorgehen und weltweit vernetzt sind. In den USA setzt Präsident Donald Trump gerade mit dem „Projekt 2025“ Spielzüge aus dem Schulbuch der Autokraten um. Damit begonnen hat er bereits während seiner ersten Kandidatur 2015. Sein erstes Ziel war die freie Presse. Er versuchte sie zu delegitimieren, zu bedrohen, gegen sie Stimmung zu machen. Eine Strategie, die seine Regierung bis heute weiterverfolgt und intensiviert: Reporter werden beleidigt, von Pressebriefings ausgeschlossen und Medienunternehmen bis zur Selbstzensur erpresst. So agiert eine Regierung, mit der auch eine deutsche, in Teilen gesichert rechtsextreme Partei in engem Kontakt steht und immer wieder als Vorbild heranzieht. Wir müssen wachsam bleiben und unsere demokratischen Institutionen schützen. Auch unsere freie Presse. Einen unglaublich wichtigen Ansatz verfolgen Sie dabei selbst: Aktuell läuft mit Unterstützung von Sponsoren wieder das Projekt Zeitung in der Schule: hier im Landkreis Böblingen an 20 Schulen und mit mehr als 1000 Schülerinnen und Schülern. Sie lernen den Wert einer Zeitung und eines freien Journalismus schätzen. Aber auch was es bedeutet, in der Demokratie eine Bringschuld zu haben, sich zu informieren. Nicht der reißerischsten Schlagzeile hinterherzulaufen. Und Zeit aufzuwenden, Sachverhalte aus der Perspektive unterschiedlicher vertrauenswürdiger Quellen zu beleuchten. 

Liebe Gäste, das Entdecken, das Aufdecken, das Geschichtenerzählen, ist und bleibt der Kern von regionalem Journalismus, den keine KI ersetzen kann. Etwa, wenn sie über ein Forschungsprojekt des Böblinger Stadtarchivs berichten, das Zeitzeugen zum Thema „Zwangsarbeiterlager in Böblingen im Nationalsozialismus“ sucht. Oder über die anstehende Bürgermeisterwahl, bei der die Weichen für die Stadtgesellschaft gestellt werden. KI verändert, wie wir kommunizieren. Doch nie dürfen wir aus der Hand geben, was wir kommunizieren. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Den Respekt vor dem Lebensweg, den Schicksalen und Hoffnungen aller Menschen. Und die Werte unseres demokratischen Zusammenlebens. Als der Pulitzer-Preisträger und ehemalige Chefredakteur der New York Times, Max Frankel, dieses Jahr starb, hinterließ er uns unter anderem zwei Dinge: Zum einen seine Lebensgeschichte, geboren 1930 in Gera, entkam er als 10-jähriger jüdischer Junge - knapp der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Vielleicht beeinflusste diese Fluchterfahrung später seine tiefe Menschlichkeit als Führungskraft und Journalist. Zum anderen hinterließ er uns eine der schönsten Definitionen von Journalismus, die ich kenne. 1997 schrieb er in einem Artikel: „Journalisten […] sind die Geschichtenerzähler der Gesellschaft. Die Guten unter ihnen erkennen unsere Ängste, Sorgen und Neugierde und erzählen Geschichten, die das Leben sinnvoll und überschaubar machen.“ Ich wünsche Ihnen, lieber Herr Schlecht und der gesamten Belegschaft des Böblinger Boten, dass Sie Ihr Beruf auch in Zukunft in diesem Sinne erfüllt und bereichert. Denn von diesem Journalismus profitieren wir alle. Noch einmal herzlichen Dank für Ihre Arbeit und uns einen schönen Abend, an dem wir den Böblinger Boten und unsere freie Presse gebührend feiern!