16. November 2025

Festrede zum Volkstrauertag auf dem jüdischen Friedhof in Ellwangen

Landtagspräsidentin Aras bei Ihrer Festrede auf dem jüdischen Friedhof in Ellwangen

Mit dem heutigen Volkstrauertag neigt sich das Gedenkjahr dem Ende zu. 

Es stand im Zeichen der 80 Jahre, die zwischen uns und der Befreiung vom Nationalsozialismus liegen. Die zwischen uns und der Befreiung der Konzentrationslager liegen. 80 Jahre, die vergangen sind seit dem größten Verbrechen und dem verheerendsten Krieg in der Geschichte der Menschheit.

In diesem Zusammenhang ist auch der Volkstrauertag von großer Bedeutung. Weil auch er das Gedenken aufrechterhält. Weil auch er die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft würdigt. Und weil auch er uns zum Frieden mahnt.

Heute liegen Blumen an den Kriegsgräbern und Mahnmalen der Bundesrepublik. Auch wir haben Blumen am Gedenkstein niedergelegt. Sie sind ein Zeichen der Trauer und der Würdigung. Sie sind darüber hinaus ein Sinnbild der Erneuerung: Sie erblühen auf dem Boden, der vor 80 Jahren mit Schutt und Asche bedeckt war. Sie wachsen aus der Erde, in der die Opfer und Täter begraben sind. Während die Steine die Jahrzehnte überdauern, verwelken die Blüten nach kürzester Zeit. Wir müssen sie immer wieder aufs Neue zum Grabe tragen – als Akt des steten Erinnerns.

Natürlich ist das erstmal nur ein Brauch, ein Symbol. Aber unerheblich ist es deshalb nicht. Genauso ist es nicht unerheblich, dass heute die Flaggen auf halbmast wehen. Oder dass in den Clubs und Konzertsälen an diesem Sonntag Stille herrscht. Weil unser Staat, weil unser Land damit zeigt: Wir vergessen nicht. Wir erinnern. Wir erinnern Jahr für Jahr, und zwar gemeinsam.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Wohl nur die wenigsten in der Bevölkerung nehmen am kollektiven Gedenken an diesem stillen Tag noch wirklich Anteil. Vielleicht nehmen sie kurz Notiz davon, dass da „Volkstrauertag“ im Kalender steht. Vielleicht nehmen sie verwundert das Tanzverbot hin. Und vielleicht nehmen sie sogar die Kränze wahr, die auf den Friedhöfen liegen. Aber wie viele nehmen sich wirklich die Zeit, um diesem Tag Bedeutung beizumessen?

Womöglich fremdeln viele Menschen mit dem Begriff der Volkstrauer, dem durchaus Pathos und Patina einer fernen Zeit anhaften. Womöglich denken viele, dass der Zweite Weltkrieg, dass die NS-Zeit sie nicht mehr betrifft. Dass der heutige Tag sie nichts angehe. Aber das stimmt nicht.

Deshalb bin ich ihnen auch so dankbar, meine Damen und Herren, dass Sie heute hier sind und Ihre Zeit dem Erinnern und dem Frieden widmen. Denn der Volkstrauertag geht uns alle an, und er hat uns noch immer reichlich zu sagen.

Der Kreis der Menschen, derer wir zum Volkstrauertag gedenken, wurde in den vergangenen acht Jahrzehnten stetig erweitert. Wir gedenken nicht nur der im Krieg Gefallenen, sondern auch der im Krieg Gefangenen und Geflüchteten. Wir gedenken auch der Verfolgten und Ermordeten in der NS-Zeit, der Opfer der Shoah. Deshalb begehen wir den heutigen Volkstrauertag gemeinsam hier auf dem jüdischen Friedhof und gedenken der Opfer des Hessentaler Todesmarsches.

Der Zweite Weltkrieg lässt sich nicht gesondert von der Shoah betrachten, von den Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie entstammen der gleichen mörderischen Ideologie, der Menschenfeindlichkeit. Und ich bin Herrn Bundespräsidenten Steinmeier sehr dankbar, dass er das Totengedenken nach den rechtsextremistischen Anschlägen von Halle, Hanau und dem Mord an Dr. Walter Lübcke um folgende Worte erweitert hat:

„Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt Opfer geworden sind. Wir gedenken der Opfer von Terrorismus und Extremismus,
Antisemitismus und Rassismus in unserem Land.“

Dieser Gedenktag war schon immer ein Spiegel seiner Zeit. Er hat in unterschiedlichen Monaten stattgefunden, unterschiedliche Namen getragen und unterschiedlichen Zwecken gedient. In der Weimarer Republik rief ihn der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ins Leben. In der NS-Zeit wurde er mithilfe des Vereins zum Propagandatag gemacht.

In der Bundesrepublik wurde dann Der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge neu gegründet. Er geht heute offen mit seiner Vergangenheit um und widmet sich dem Gedenken und der Versöhnung in der Welt. Engagierte Menschen helfen in etlichen Ländern dabei, Kriegstote zu bergen, sie zu identifizieren und würdevoll zu bestatten. Sie klären Schicksale auf und ermöglichen Angehörigen die Trauer.

Die Menschenwürde zu achten, das ist unsere Lehre aus der NS-Zeit. 

Und die Würde des Menschen endet nicht mit dem Tod.

Der Volksbund hat sich vom einstigen Heldenkult abgewandt. Doch das Gedenken an die Kriegstoten wird immer noch von Extremisten missbraucht. Sie heroisieren die Wehrmachtsoldaten und glorifizieren den Krieg. Aber nichts, meine Damen und Herren, nichts an Krieg ist glorreich! Nichts an zerbombten Städten und zerrissenen Körpern verheißt Ruhm! Und nichts an dem Leid und an der Zerstörung, die die Nazis über die Welt gebracht haben, ist auch nur ansatzweise zu verharmlosen!

Wir haben dieses Jahr oft daran erinnert, wie grausam und leidvoll das Kriegsende vor 80 Jahren war.

In den Monaten vor Kriegsende gipfelte das Morden in Massen-Exekutionen und Todesmärschen, wie auch hier in Ellwangen. Spätestens die Märsche brachten das Menschheitsverbrechen der Shoah vor die Haustür der Deutschen. Sichtbar für jedermann. Ausgemergelte KZ-Häftlinge, die versuchten zu fliehen, wurden auch von Zivilisten verraten und gejagt. 

In den Wochen vor Kriegsende ermordeten SS-Leute Zivilisten, die nicht mehr kämpfen wollten. Selbst Kinder wurden gehängt. Bis zum Schluss schickten die Befehlshaber Menschen in den sinnlosen Tod. 

Diesen Horror müssen wir uns als Gesellschaft immer wieder vor Augen führen, damit auch nur der kleinste Funke von Verherrlichung erlischt.

Der Krieg hat jedes Leben in diesem Land geprägt, und er tut es noch immer. Er hat sich eingebrannt in unsere Städte, in die Familienbiografien, in die Seele ganzer Generationen. Noch immer liegen Bomben im Boden. Und viele Kriegstote sind noch immer verscharrt. 

Dies zu bedenken, dazu veranlasst uns der heutige Tag. 

Wenn der Volkstrauertag ein Spiegel der Gegenwart ist – was sehen wir darin in der heutigen Zeit? Wir sehen darin den Auftrag, mehr denn je seit 80 Jahren, für den Frieden einzustehen! An diesen Auftrag erinnert auch die Stadt Ellwangen seit 25 Jahren mit der Friedensdekade. Und daran erinnert auch das Ellwanger Friedensforum.

Aber was heißt das genau, für den Frieden einzustehen?

Es heißt erstens, für die Demokratie einzustehen! Demokratie ist eine Voraussetzung für Frieden. Demokratische Staaten führen keine Kriege gegeneinander. Der Autoritarismus dagegen führt früher oder später immer zu Unterdrückung und Gewalt. Deshalb dürfen wir nie, nie wieder Menschenfeinde an die Macht lassen!

Für den Frieden einzustehen heißt also zweitens, für die Menschenrechte einzustehen. Denn einen Frieden ohne Menschenrechte gibt es nicht. Das heißt für uns auch, den Antisemitismus im Land entschieden zu bekämpfen.

Zurzeit wird öffentlich diskutiert, ob der Antisemitismus von rechts, von links oder aus muslimischen Kreisen gefährlicher sei. Ich finde, das spielt überhaupt keine Rolle, denn jedwede Form von Antisemitismus, jede Art von Menschenfeindlichkeit ist ein Angriff auf uns alle, ist durch nichts zu rechtfertigen, und gehört mit allen Mitteln des Rechtsstaates und mit aller Wucht der Zivilgesellschaft bekämpft!

Für den Frieden einzustehen heißt drittens, für das Völkerrecht einzustehen – erst recht, wenn es immer mehr Staaten verletzen. Wenn wir – wie im Sudan – die riesigen Blutlachen vom Weltall aus erblicken können, wenn in etlichen, dem Erdboden gleichgemachten Städten auf der Welt kein würdiges Leben mehr möglich ist, dann gilt es erst recht, die Fahne des Völkerrechts hochzuhalten!

Der Auftrag, für den Frieden einzustehen, steht in unserer Verfassung ganz zu Beginn. In der Präambel des Grundgesetzes bekennt sich das Deutsche Volk dazu, „dem Frieden in der Welt zu dienen“. Aber die Frage, wie das gelingt, ist komplexer geworden, seit wieder Krieg in Europa herrscht. 

Die jüngsten Beschlüsse zum Wehrdienst beunruhigen viele Menschen. Insbesondere die jungen Männer, die betroffen sind. Das ist völlig verständlich, und menschlich. Wir haben zurecht ein Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen.

Wir stehen mit Blick auf die Bundeswehr vor einem Dilemma: Niemand sollte in den Krieg ziehen müssen, aber alle brauchen Schutz im Verteidigungsfall. Und die Sicherheitslage in Europa hat sich drastisch verändert.

Ob die Gewalt von Aggressoren nur mit Gegenwehr zu stoppen ist, mit dieser Frage hadern die Parteien, hadern die Kirchen, hadert auch die Bevölkerung. Auf der einen Seite steht die nachvollziehbare Angst vor Aufrüstung und Eskalation. Auf der anderen Seite steht die nachvollziehbare Angst vor Appeasement und Schutzlosigkeit.

Der Militarismus vor über 80 Jahren hat die Welt mit Krieg überzogen und ins Verderben geführt. Aber Hitler konnte auch nur durch Gewalt aufgehalten werden. Beide Argumente sind berechtigt. Verteufeln wir die jeweils andere Seite nicht als Kriegstreiber, sondern erkennen wir an, dass wir alle uns den Frieden wünschen! Es ist ein Dilemma, das nie ausdiskutiert sein wird, das aber dennoch jetzt eine Antwort erfordert. 

Die einzig langfristige Lösung zum Frieden kann sein, dass Diktaturen zusammenbrechen und Demokratien erstarken.

Und gleich, wie man zur Bundeswehr steht: Auch sie ist ein Kennzeichen der Demokratie. Wir haben seit 70 Jahren eine Parlamentsarmee, die den demokratisch gewählten Abgeordneten unterstellt ist und nicht einem Alleinherrscher. Wir haben Staatsbürgerinnen und Staatsbürger in Uniform, die einen Eid schwören, der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu dienen. 

All dies ist ein Gegenentwurf zur Kriegslust und zur Missachtung der Menschenwürde von einst. Und wir können dankbar sein für alle Menschen, die für unseren Schutz im Einsatz sind.

Am heutigen Tag gedenken wir auch der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die bei Auslandseinsätzen gefallen sind.

Meine Damen und Herren,

auch hundert Jahre nach dem ersten deutschlandweiten Volkstrauertag geht uns dieser Tag viel an. Auch, wenn die meisten von uns keinen Krieg mehr kennen.

Und damit das so bleibt, ist es unsere Pflicht, die Erinnerung wachzuhalten und unser Leben in Freiheit und Demokratie zu bewahren.

Nicht nur Jahr für Jahr, wenn die Flaggen auf halbmast stehen. 

Sondern auch, wenn die Blumen am Mahnmal schon lange verblüht sind: 

Tag für Tag für Tag.