17. September 2025

Grußwort zur Einweihung des Shmuel-Dancyger-Platzes

Landtagspräsidentin Muhterem Aras, Dr. Fabian Mayer und Howard Dancyger vor der Namensstele

Sehr geehrter Herr Erster Bürgermeister Dr. Mayer,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

sehr geehrter Herr Howard Dancyger,

ich freue mich sehr, dass wir heute hier sind.

Heute, 
an diesem auf den ersten Blick 
unscheinbaren 17. September.

Heute vor 90 Jahren aber 
traten die Nürnberger Rassengesetze in Kraft:


Drei Seiten Gesetzestext und fünf Unterschriften besiegelten die 
Ausgrenzung und Diskriminierung der 
Jüdinnen und Juden im Reichsgebiet.

Der sogenannte „Reichsparteitag der Freiheit“ 
in Nürnberg im September 1935 
war der Anfang vom Ende der Freiheit für die jüdische Bevölkerung:

Jüdinnen und Juden wurden rassistisch gebrandmarkt, 
verloren ihre politischen Rechte und wurden zu Bürgern zweiter Klasse degradiert.

Wir wissen, wie dies endete: 
Diese menschenverachtende Gesetzgebung legte die Schienen in die Konzentrationslager, 
über die mehr als sechs Millionen 
Jüdinnen und Juden zum Ort ihrer Ermordung transportiert wurden.

Auch wegen der Nürnberger Gesetze stehen wir heute hier. 
Sie definierten damals ein neues „Normal“.

Sie gossen offenen wie latenten Antisemitismus in Paragraphen, sie förderten Hass und Gewalt.


Nach Kriegsende wurden diese Gesetze 
durch den Alliierten Kontrollrat im September 1945 wieder aufgehoben.

In den Köpfen vieler Menschen jedoch 
blieb dieser Hass, 
die Selbsteinschätzung als Herrenrasse und 
die der Jüdinnen und Juden als rechtslose Bürger, erhalten.

Auch in einigen Köpfen der Stuttgarter Polizei.


So kam es fast ein Jahr nach Kriegsende, 
ein halbes Jahr nach dem offiziellen Ende der Rassengesetze, 
zur Razzia im Stuttgarter DP-Camp.

Hier, am oberen Ende der Reinsburgstraße.

Vordergründig ging es um die 
Bekämpfung des Schwarzmarktes.

Doch Aussagen der beteiligten Polizisten zeigen den eigentlichen, den antisemitischen Beweggrund.


So gab ein Zeuge folgenden Ausruf eines Polizisten wieder: 
„Schneller, du verfluchter Jude, 
heute werden wir euch fertig machen.“ 
Zitatende.

Wir sehen:
Die Nürnberger Gesetze luden bereits 
viele Jahre früher die Waffe, 
mit der Shmuel Dancyger am 29. März 1946 erschossen wurde.


Das Kriegsende war keine „Stunde Null“:

Sowohl NS-Ideologie 
als auch ehemalige NS-Funktionäre 
spielten noch lange eine Rolle in der Nachkriegszeit und der jungen Bundesrepublik.

Auch deshalb 
wurde die Erschießung Shmuel Dancygers 
nie richtig untersucht, 
der vermutliche Täter nie zur Verantwortung gezogen.


Sehr geehrter Herr Dancyger, lieber Howard, 
wie ich Ihrem Vater bereits sagen durfte:

Im Namen des Landtags von Baden-Württemberg und 
als Bürgerin dieser Stadt 
bitte ich Sie um Entschuldigung für das begangene Unrecht.

Unrecht, das Ihrer Familie angetan und für die Sie nie Gerechtigkeit erfahren haben.

Die Benennung dieses Platzes nach Ihrem Großvater, 
die Benennung nach Herrn Shmuel Dancyger, 
ist die Anerkennung einer 
historischen Ungerechtigkeit und 
ein Symbol gelebter Verantwortung.

Allen Beteiligten bin ich von Herzen dankbar:

Es waren zu Beginn engagierte Menschen 
aus der Stadtgesellschaft, 
die das Schicksal von Shmuel Dancyger mit 
großem persönlichem Einsatz bekannt gemacht haben.

So verfassten
Susanne Dietrich und Julia Schulze Wessel Ende der 90er Jahre
wissenschaftliche Arbeiten über das 
Stuttgarter DP-Camp.

Seit 2018 informierte die alte Stele auf diesem Platz Silber über die Razzia und Shmuel Dancyger.

Im Erinnerungsort Hotel Silber ist
Shmuel Dancyger ein eigener Bereich gewidmet.

In der jüngeren Zeit machten
Ann-Kathrin Engel und Judith Müller 
das Schicksal Shmuel Dancygers durch ihre Summer Schools sichtbar.

Weitere Meilensteine legten Tina Fuchs und Josefine Geib durch ihre engagierte Recherchen:

Dank Ihres Filmes und Ihres Buches zum Thema haben wir einen noch genaueren Einblick in die Geschichte gewonnen.  

Und dank Ihrer Hartnäckigkeit und Herzlichkeit hat Howard Dancyger ausgerechnet in Stuttgart neue Freunde gefunden.

Auch weil Sie, liebe Frau Fuchs, 
überhaupt erst den Kontakt zur Familie Dancyger in Kanada hergestellt haben:


Zu Ihnen, lieber Howard, 
und zu Ihrem Vater Morris, 
der die Tötung seines Vaters miterlebt hatte.

Wie sein Vater, seine Mutter und seine Schwester auch, 
hatte er als kleiner Junge die nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie überlebt.

Nach all den Jahren der Verfolgung, 
der Erniedrigung und der Gewalt 
in den Konzentrationslagern; 
nach all dem Leiden und dem Schmerz 
hatte er Hoffnung auf ein besseres, 
ein gemeinsames Leben.

Am 29. März 1946 
wurde die neu erweckte Zuversicht, 
dass dieser Traum je Realität werden könnte, 
jäh zerstört.


Sehr geehrte Damen und Herren,

ich danke der Stadt Stuttgart, 
stellvertretend Herrn Dr. Mayer und auch dem Bezirksrat Stuttgart West, 
dass die gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Initiativen so beherzt aufgegriffen wurden, 
und wir heute nun diesen Platz unter dem Namen Shmuel Dancyger einweihen können!

Dieser Platz, der Name Shmuel Dancygers, 
soll nicht nur 
an das Verbrechen der Vergangenheit erinnern.

Er soll auch Appell und Mahnung 
für Gegenwart und Zukunft sein.
Der Shmuel-Dancyger-Platz soll uns daran erinnern, 
jeglichen Verführungen von Wut, Aggression und Hass eine klare Absage zu erteilen.

Er soll uns daran erinnern, 
dass unsere demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen nur so stabil sind wie die Menschen, 
die in ihnen arbeiten.

Und vor allem soll er uns daran erinnern, Minderheiten und verwundbare Gruppen 
in unserer Gesellschaft zu schützen.


Er soll ein Appell an uns sein, 
dass wir als Baden-Württemberg*innen und Stuttgarter*innen hinschauen:

Dass wir die Augen nicht vor der Geschichte verschließen – auch und gerade dann nicht, 
wenn sie unangenehm ist.

Und dass wir uns im Heute aufrecht hinstellen, 
wenn sich Geschichte zu wiederholen droht:

wenn die warnenden „Nie wieder!“-Apelle niedergeschrien werden von Menschen, 
die einen Schlussstrich unter die Vergangenheit fordern.

Liebe Gäste, 
seit heute gibt es in Baden-Württemberg mit dem Shmuel-Dancyger-Platz einen weiteren Ort, 
der uns dazu anspornt, 
nicht nachzulassen in unserem Einsatz für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Ich hoffe, dass er gesehen, wahrgenommen und dem Andenken an Shmuel Dancyger gerecht wird.

Vielen Dank.