Grußwort zur Premiere „Die Ermittlung“ von Peter Weiss

Inszenierung des Staatstheaters Stuttgart im Plenarsaal des Landtags am 30. September 2025.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,
herzlich willkommen im Landtag von Baden-Württemberg. Ich freue mich sehr, dass wir heute – an diesem besonderen Abend – hier zusammenkommen.
[Begrüßung der Ehrengäste]
Und ein ganz besonderes Willkommen gilt dem Schauspiel Stuttgart, mit dem wir Ihnen diesen außergewöhnlichen Abend anbieten können. Vielen Dank für die tolle Kooperation, stellvertretend an den Intendanten, Herrn Kosminski.
Eine Kooperation, fast 60 Jahre nach der Uraufführung, die am 19. Oktober 1965 gleichzeitig an 14 Orten in Ost- und Westdeutschland sowie in London stattfand.
Die erste Inszenierung in Stuttgart war ein Nachzügler, sie erfolgte vier Tage später. Ganz anders heute: Heute wird ‚Die Ermittlung‘ von Peter Weiss im Stuttgarter Landtag zum ersten Mal in einem deutschen Parlament nicht nur szenisch gelesen, sondern komplett inszeniert. Die Herzkammer der Demokratie ist genau der richtige Ort für eine solche Inszenierung!
Heute, meine Damen und Herren, hören wir die Worte von Opfern und Tätern der Vergangenheit. Einer Vergangenheit, die einmal geschehen, auch wieder geschehen kann.
Ruth Klüger überlebte die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt. Nach Kriegsende versuchte eine Tante sie davon zu überzeugen, die Erlebnisse in den Lagern zu vergessen, neu anzufangen und nicht zurück zu blicken.
Ruth Klüger war erstaunt: „Ich dachte, sie will mir das einzige nehmen, was ich hab, nämlich mein Leben, das schon gelebte.“ Deshalb legte sie Zeugnis ab: über das Grauen, über die Entmenschlichung, über diesen unvorstellbaren Zivilisationsbruch, über die Hölle der Konzentrationslager.
Andere schwiegen. Fürs Erste. Oder für immer.
Wer jedoch keine Worte für das erlittene Unrecht findet, verliert den Kampf gegen das Vergessen.
Wer keine Worte findet, kann die Täter nicht anklagen.
Wer keine Worte findet, findet kein Gehör.
Das lag aber auch an denen, die das eigentlich hätten hören sollen:
Nach Kriegssende stieß das erlittene Leid der Opfer des Nationalsozialismus oft auf taube Ohren. Auch in der deutschen Justiz, in der überwiegend diejenigen weiter beschäftigt wurden, die schon im Nationalsozialismus Karriere gemacht hatten.
Fast im Alleingang und gegen großen Wiederstand schaffte es jedoch ein Jurist, den Opfern Gehör zu verschaffen: der Stuttgarter Fritz Bauer. Wir haben ihm vor einiger Zeit hier im Landtag eine eindrucksvolle Veranstaltung gewidmet. Bauer setzte sich unermüdlich für die Ideen der Humanität, der Freiheit und der Demokratie ein – ohne ihn wäre die Bundesrepublik heute eine andere.
Fritz Bauer und Peter Weiss haben einiges gemeinsam: Sie mussten beide vor den Nationalsozialisten fliehen; in den meisten Jahren des Krieges blickten sie aus Schweden über die Ostsee herüber zu der Heimat, die man ihnen genommen hatte; die Flucht und das Exil hinterließen tiefe Spuren.
Peter Weiss schrieb: „Lange trug ich die Schuld, dass ich nicht zu denen gehörte, die die Nummer der Entwertung ins Fleisch eingebrannt bekommen hatten, dass ich entwichen und zum Zuschauer verurteilt worden war.“
Doch genau die Rolle des Zuschauers, sollte Peter Weiss die Möglichkeit geben, doch noch Zeugnis abzulegen: nämlich beim Frankfurter Auschwitz-Prozess.
Frankfurt – hier erhob Fritz Bauer als hessischer Generalstaatsanwalt im Jahr 1963 Anklage gegen 22 Männer. Sie waren im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau mittelbar und unmittelbar an der Tötung von über einer Millionen Menschen beteiligt – die meisten davon Jüdinnen und Juden. Mehr als 200 Holocaust-Überlebende kamen in diesem Prozess als Zeuginnen und Zeugen zu Wort.
Ihr Mut, das Erlebte öffentlich erneut zu durchleben; ihre Fähigkeit, das Grauen in Worte zu fassen; und ihre Courage, ihren Peinigern gegenüberzutreten, waren von zukunftsweisender Bedeutung weit über den Gerichtssaal hinaus.
Der Prozess sorgte mit für ein Umdenken in der deutschen Gesellschaft: Sprachen sich zu Beginn des Prozesses noch 54 Prozent der Deutschen für einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit aus, waren es ein Jahr später noch 39 Prozent. Immer noch eine hohe Zahl. Aber die Zeugenschaft der Holocaust-Überlebenden machte ein weiteres Schweigen unmöglich.
Mit seinem Stück prägte Peter Weiss die deutsche Erinnerungskultur nachhaltig. Er hat uns die Worte vermacht, die uns auch heute noch daran erinnern, zu welcher Barbarei Menschen fähig sind und warum wir alles dafür tun müssen, dass diese sich nicht mehr wiederholt. Worte die uns mahnen, dass unsere Demokratie und die Werte unseres Grundgesetzes die höchsten Güter sind, die wir haben.
Meine Damen und Herren, als deutsche Gesellschaft haben wir uns das zu Herzen genommen. In den letzten Jahren und Jahrzehnten haben wir es geschafft, dass die Erinnerungskultur gedeiht und feste Wurzeln in der Gesellschaft schlägt. Das ist eine phänomenale Leistung! Und ja – auch etwas, worauf wir stolz sein können. Denn das war kein leichter Weg. Ich bin deshalb den vielen Menschen, die oft gegen starke Widerstände Gedenkstätten aufgebaut haben, die recherchieren und immer noch neue Schicksale wieder ans Tageslicht bringen, unglaublich dankbar.
Stellvertretend ein herzliches Dankeschön an die Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen in Baden-Württemberg für ihre langjährige Arbeit! Eine Arbeit, die der Landtag und die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg gestern mit der Joseph-Ben-Issachar-Süßkind-Oppenheimer-Medaille auszeichnet haben. Ihre wichtige Erinnerungsarbeit ist nie beendet. Einen Schlussstrich kann und darf es daher niemals geben. Als Landtag wollen wir das nicht nur aussprechen, wir wollen es auch leben. Deshalb lassen wir aktuell die Vergangenheit unseres Hauses erforschen.
Zum Beispiel: Wo gab es Kontinuitäten aus der NS-Zeit? Erste Ergebnisse werden wir Ende des Jahres präsentieren können.
Meine Damen und Herren, es gibt Entwicklungen, die hoffnungsvoll stimmen:
84 Prozent der Jugendlichen sowie dreiviertel der Befragten mit Migrationshintergrund wollen mehr über die NS-Zeit erfahren. Deshalb freue ich mich auch über alle junge Menschen, die heute Abend hier sind. Deshalb lohnt sich das hochwertige Angebot zur politischen Bildung ständig weiterzuentwickeln. Und hier besteht langjähriges Einvernehmen zwischen den Parteien GRÜNE, CDU, SPD und FDP.
Meine Damen und Herren, wir wollen heute Abend zuhören:
den eindrücklichen Zeugnissen der Holocaust-Überlebenden, wiedergegeben von Peter Weiss, inszeniert durch das Staatstheater Stuttgart.
Ich wünsche uns einen Abend, der uns bewegt und uns handeln lässt: Um unsere Demokratie auch heute zu verteidigen, und sie nicht als selbstverständlich zu nehmen.
Vielen Dank.