Jahresempfang der Evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg

„Der Mensch heißt Mensch
Weil er erinnert, weil er kämpft
Und weil er hofft und liebt
Weil er mitfühlt und vergibt“
Als Herbert Grönemeyer diese Zeilen schrieb, befand er sich in tiefer Trauer. Sowohl sein Bruder als auch seine Frau waren binnen weniger Tage an einer Krebserkrankung gestorben. Und Herbert Grönemeyer wäre am Schmerz beinah zerbrochen. Aber er schöpfte neue Kraft. Und er trat zurück an die Öffentlichkeit, mit dieser Liebeserklärung an den Menschen.
Ich denke, in dieser Geschichte liegt eine Antwort auf das, was wir uns heute fragen.
Krisenzeiten, ob im Privaten oder in der Gesellschaft, erschüttern alte Gewissheiten. Sie reißen einem den Boden unter den Füßen weg.
Auch im Lied „Mensch“ klingt das Gefühl eines Sinnverlusts an: „Nichts ist wirklich wichtig, nach der Ebbe kommt die Flut“. „Ohne Grund, ohne Verstand“, „ohne Plan, ohne Geleit“. Aber obwohl die „Träume auf den Sand“ gebaut sind, obwohl all das hier vergänglich ist, „ist nichts vergebens“. Warum?
Auch davon handelt das Lied: vom großen „Dennoch“. Vom Weitermachen, trotz allem, ganz in der Gegenwart. Da ist eine rettende Ruhe, ein tiefer Trost, weil es bei allem Schmerz doch Menschen gab, gibt und geben wird, die unsere Zeit auf Erden so lebenswert machen. Die für einen da sind, und für die man selbst da sein will.
Herbert Grönemeyer ist bekennender Christ und bekennender Demokrat. Beides kann man nur aufrichtig sein, wenn man den Menschen liebt. Wir haben in den vergangenen Jahren bei den Empfängen der Landeskirchen darüber gesprochen: Dass das christliche Fundament der Nächstenliebe auch das Grundgesetz durchzieht. Und dass auch Demokratie von einer Art Glauben lebt, dem Glauben an eine gerechtere Gesellschaft, an eine bessere Welt. An ein Füreinander und Miteinander von Menschen.
Krise ist Zweifel und Verzweiflung, Krisenfestigkeit aber ist Glauben. Wer sich auf ihn besinnen kann, findet in schweren Zeiten leichter Halt.
Viele Menschen suchen diesen Halt bei uns. Denn sowohl die Politik als auch die Kirchen sollen ja auf ihre Weise Orientierung bieten – besonders, wenn alles taumelt und wankt.
Erst nach und nach dämmert uns als Gesellschaft, dass wir in einem Epochenbruch leben. Dass viele alte Gewissheiten in Frage stehen. Und wenn wir ehrlich sind, hat die Politik das auch lange nicht transparent gemacht. Oft tut sie es noch immer nicht.
Gerade die jungen Menschen haben aber längst ein Gespür für den Epochenbruch. Jene Generation, für die sich das Wohlstandsversprechen kaum noch erfüllt. Sie malt sich ihre Zukunft viel düsterer aus als wir das als Kinder getan haben. Aber auch viele Ältere blicken mit Sorge auf die Welt.
Wir wissen vom Artensterben und von den Staaten, die im Meer versinken. Wir beobachten, wie die Intelligenz der Maschinen unkontrolliert wächst, während die Vernunft der Menschen in den Hintergrund rückt. Wir erleben die Wirtschaftskrise und die Kluft zwischen Arm und Reich. Frieden und Demokratie wirken plötzlich brüchig. Und an vielen Orten der Erde sehen wir einen Politikstil, der auf Gier und Grausamkeit setzt.
Wen das nicht kalt lässt, den kann ich verstehen.
Und der ist auch keineswegs allein.
Die Zukunftsforscherin Florence Gaub bestätigt das. Sie unterscheidet zwischen positiven und negativen Zukünften. Normalerweise, so Gaub, halten sich Vorfreude und Sorge bei den Menschen die Waage. Aber zurzeit – zur Krisenzeit – liegt die Last bei vielen aufseiten der Sorge. Die negative Zukunft nimmt den Raum in den Köpfen und Herzen ein. Es entsteht das Gefühl, nichts ausrichten zu können, ausgeliefert zu sein: ein Gefühl der Unfreiheit und Angst.
Meine Damen und Herren,
Angst ist ansteckend. Aber Mut auch. Und Mut können wir machen.
Das ist etwas, das wir tun können, für uns und für die Menschen um uns herum: positive Zukunftsbilder wachrufen und den Dystopien entgegenhalten.
Ja, die Zukunft ist ungewiss. Sie ist unsicher; das liegt in ihrer Natur. Das heißt gleichzeitig, dass sich auch die Schwarzmaler nicht sicher sein können. Dass es anders kommen kann als befürchtet. Was wäre eigentlich, wenn wir das Blatt wenden? Wenn es doch noch gut wird? Wenn unsere Vorstellung einer besseren Welt irgendwann Gegenwart ist?
Die Zukunft birgt nicht nur das Furchtbare, sondern auch das Fruchtbare! Und daran können wir erinnern, dafür können wir kämpfen! „Es gibt zum Optimismus keine vernünftige Alternative“, hat Karl Popper einst gesagt. Weil uns nur ein Hoffnungsschimmer raus aus der Lähmung führt und hin zur Handlung.
Was wir auch tun können, ist Selbstwirksamkeit erfahrbar zu machen. Gerade jetzt ist doch die Zeit, sich einzubringen! Ob im kirchlichen Ehrenamt, in einer Partei oder auf andere Art: Vielleicht noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik haben wir jede einzelne Hand so sehr gebraucht wie jetzt!
„Momentan ist richtig / Momentan ist gut“!
Wir in Politik und Kirche können das Engagement im Land bündeln, stützen und bewerben. Wir können aufzeigen, was für eine Kraft darin liegt. Und daraus selbst neue Kraft schöpfen.
Ja, die Krisenherde sind gigantisch. Und viele Menschen kommen sich bei dem Anblick schlicht ohnmächtig vor. Aber in der Demokratie gibt es keine Ohnmächtigen. Darin liegt ja der Sinn der Demokratie!
Wenn wir uns als Menschen zusammentun, wenn wir an einem Strang ziehen, ist viel mehr möglich als wir vermuten.
Liebe Gäste,
führen wir uns vor Augen, wie verwüstet dieses Land vor 80 Jahren war und wo wir heute stehen! Wenn das kein Grund ist, an uns zu glauben, was dann?
Damit wir aber alle an einem Strang ziehen, müssen Politik und Kirche den Zusammenhalt vorleben; wieder und wieder eine Lanze brechen für Nächstenliebe und Solidarität. Gegen Spaltung aufbegehren. Die Zivilgesellschaft stärken. Die Ausgegrenzten eingliedern. Kurzum: allen Teilen der Gesellschaft die Möglichkeit geben, am Gemeinwohl mitzuwirken.
Lassen wir einander nicht allein! Dieses Signal braucht es jeden Tag, ob von der Kanzel aus oder vom Kanzleramt. Und ich bin Ihnen, den Kirchen, unfassbar dankbar für die immer wieder sehr klare Haltung für ein menschliches Miteinander in unserem Land!
Liebe Gäste,
um krisenfest zu bleiben – und auch anderen dabei zu helfen, ebenfalls krisenfest zu bleiben –, ist vor allem eines erforderlich: dass wir uns die Liebe zum Menschen bewahren. Denn für den Menschen sind wir in unseren Ämtern. Deshalb tun wir doch, was wir tun!
Ja, man darf im kalten Gegenwind der Gegenwart nicht dünnhäutig sein. Aber man darf auch nicht verhärten; schwielig und stumpf werden in all dem Hass.
Es ist ein Leichtes, zynisch zu werden in der heutigen Zeit. Es ist bequem, all jene zu verhöhnen, die an das Gute im Menschen glauben. Aber weiter kommt man damit nicht. Die Kunst ist es, nicht zu verbittern. Trotz alledem.
Ich glaube weiter an den Menschen, egal, wie schwer die Zeiten sind:
„Weil er schwärmt und glaubt
Sich anlehnt und vertraut
Und weil er lacht
Und weil er lebt“.