Scholl-Grimminger-Preis 2025 Crailsheim

Ein ganz besonderer Gruß gilt den diesjährigen Preisträgerinnen und dem Preisträger des Scholl-Grimminger-Preises, dem Verein Omas gegen Rechts, vertreten durch Frau Anna Ohnweiler, sowie Herrn Hannes Hartleitner.
Wir werden nachher noch viel von Ihnen und Ihrem Engagement hören. An dieser Stelle will ich Ihnen aber schon jetzt herzlich Danke sagen für Ihren großartigen Einsatz für unsere demokratische Gesellschaft.
Danke für Ihren Einsatz, für den Sie jeweils mit dem Scholl-Grimminger-Preis ausgezeichnet werden.
Hans Scholl und Eugen Grimminger waren zwei große Söhne dieser Stadt. Noch heute sind sie Vorbilder für ihren Mut, nur mit Worten bewaffnet gegen das NS-Regime Widerstand geleistet zu haben.
Jahrzehnte später beschrieb Eugen Grimminger die Ziele der Weißen Rose als „ein Kampf um Gedankenfreiheit, freie Meinungsäußerung, Freiheit der Lebensgestaltung, Toleranz und Wahrung der Menschenrechte.“
Es war ein Kampf gegen den sinnlosen Krieg, gegen den bestialischen Genozid an sechs Millionen Jüdinnen und Juden. Ein Kampf gegen die Verfolgung und Vernichtung von Sinti und Roma, Mitglieder religiöser Gruppen, homosexuelle Menschen, Menschen aus armen Familien, Menschen mit Behinderungen, Obdachlosen und Kranken. Ebenfalls verfolgt und vernichtet wurden politische Gegner. Wer aussprach, was nicht ausgesprochen werden durfte, musste mit harten Konsequenzen rechnen. Im Fall vieler Mitglieder der Weißen Rose hatte ihr Einsatz tödliche Konsequenzen.
Ein ganz anderes Bild zeichnet der Lebenslauf von Max Simon. Als der Zweite Weltkrieg schon verloren war, gab er – als zuständiger Kommandant der Waffen-SS – weiter Durchhalteparolen aus und schreckte auch nicht vor dem Mord an Zivilisten zurück. In Brettheim, nur 20 Kilometer von hier, entwaffneten Bürger der Stadt vier Hitlerjungen, die noch in den letzten Kriegstagen gegen die heranrückenden Alliierten sinnlos ins Feld geschickt worden waren.
Einer der Männer, der Bauer Friedrich Hanselmann, wurde von einem SS-Standgericht zum Tode verurteilt. Ebenso wie der NSDAP-Ortsgruppenleiter Leonhard Wolfmeyer und der Bürgermeister Leonhard Gackstatter, die sich geweigert hatten, das Todesurteil zu unterschreiben. Die drei mutigen Männer bezahlten diesen Einsatz mit ihrem Leben, am 10. April 1945 wurden sie von SS-Männern erhängt.
Weder in Brettheim noch in Crailsheim wagten es die Menschen danach, sich den Amerikanern friedlich zu ergeben. Der blinde und verbissene Einsatz unter anderem von Max Simon für das menschenverachtende NS-Regime führte noch kurz vor Kriegsende zu Tod und Verderben. Die Crailsheimer und Brettheimer Innenstadt wurden fast vollständig zerstört.
Meine Damen und Herren, liebe Gäste, Crailsheim ist also eine Stadt, in der das „sich für etwas Einsetzen“ historisch gesehen ganz unterschiedliche Bedeutungen hat: auf der einen Seite der fanatische Kriegsverbrecher Max Simon, auf der anderen Seite die Widerstandkämpfer Hans Scholl und Eugen Grimminger.
Das System des Nationalsozialismus basierte auf einem totalitären, anti-liberalen Gesellschaftsentwurf. Der NS-Staat unterdrückte jedoch nicht nur grausam seine Gegner, er lebte auch davon, dass er Menschen „aktivierte“.
Für Fackelmärsche und Appelle zur Demonstration der Macht des NS-Staates. Für Verrat und Bespitzelung, so dass Denunzianten ihre Nachbarn, Familie und Kolleginnen und Kollegen an die Gestapo verrieten.
Der NS-Staat aktivierte Menschen, die Deportationen organisierten, die die KZs bewachten, die Listen mit Häftlingsnummern tippten, die Konzentrationslager bauten, die Häftlinge in Zugwagons transportierten. Der NS-Staat aktivierte Menschen, die vielleicht nicht selbst den Abzug bei einer Erschießung drückten, die aber die vielen kleinen Rädchen in der Vernichtungsmaschine am Laufen hielten.
Heute ist der Begriff des gesellschaftlichen Engagements allgemein erst einmal positiv besetzt. Wir gehen davon aus, dass ein Engagement in der Politik oder in der Gesellschaft ein Engagement für die Gesellschaft ist, ein Engagement und persönlicher Einsatz für ein gutes gesellschaftliches Miteinander, das auch Minderheiten berücksichtigt und schützt.
Bei einem engagierten Menschen denken wir an einen Hans Scholl, einen Eugen Grimminger oder an die Mitglieder der Weißen Rose. Wir denken nicht an einen Max Simon.
In den letzten Jahren wird diese Grundannahme jedoch in Frage gestellt. Immer mehr Menschen entscheiden sich gegen individuelle Freiheit und für die vermeintliche Sicherheit autoritärer Systeme, indem Minderheiten beschimpft, verurteilt und ausgegrenzt werden, indem populistische und in Teilen gesichert rechtsextreme Parteien gewählt werden, indem Falschinformationen erstellt oder weiterverbreitet werden.
Meine Damen und Herren,
wir alle suchen Orientierung. Wir alle streben nach Veränderung im Leben, wenn wir unzufrieden sind. Es liegt aber an uns zu entscheiden, wie wir diese Veränderung herbeiführen wollen, und ob wir es mit unserem Gewissen vereinbaren können, andere Menschen damit zu gefährden.
Wir, jede und jeder von uns, machen den Unterschied!
Jeder ist selbst dafür verantwortlich, wie er oder sie mit der Freiheit umgeht, die uns das Grundgesetz schenkt und garantiert.
Dem vor 80 Jahren im Konzentrationslager Flossenbürg ermordeten Theologen Dietrich Bonhoeffer verdanken wir eine zeitlose Definition von Freiheit. Er schrieb 1941: „Freiheit ist eben nicht in erster Linie ein individuelles Recht, sondern eine Verantwortung, Freiheit ist in erster Linie nicht ausgerichtet am Individuum, sondern am Nächsten.“
Etwas für den Nächsten tun, unabhängig von Verwandtschaftsgrad, Ethnie oder Religionszugehörigkeit. Genau das taten die Mitglieder des engsten Kreises der Weißen Rose, sie setzten sich für ihre Mitmenschen ein, obwohl sie keine Angehörigen von verfolgten Gruppen waren.
Im Gegenteil: Die Geschwister Scholl beispielsweise waren gesellschaftlich privilegiert, sie genossen eine gute Ausbildung, kamen aus dem liberalen Bildungsbürgertum. Sie waren aus freien Stücken den NS-Jugendorganisationen beigetreten. Sie hatten beste Aussichten auf ein beruflich und gesellschaftlich erfolgreiches Leben im NS-Staat. Und dennoch entscheiden sie sich nach anfänglicher Euphorie dazu, Widerstand zu leisten.
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Aktionen der Weißen Rose haben weder das Morden in den Vernichtungslagern noch den Krieg beendet. Aber sie stehen für ein Wertefundament, das Deutschland nach dem Krieg einen moralischen Kompass gegeben hat. Einen Kompass, auf dem die Vertreterinnen und Vertreter des Parlamentarischen Rates aufbauen konnten. Und ihnen verdanken wir heute eine der stärksten, freiheitlichsten und demokratischsten Verfassungen der Welt: das Grundgesetz!
Dieses wunderbare Grundgesetz und die darin verankerten Werte zu schützen ist nun die größte Herausforderung unserer Zeit. Dafür braucht es den Schulterschluss aller Verfassungspatriotinnen und -patrioten. Es braucht eine unabhängige und kritische Medienlandschaft. Es braucht soziale Medien, die Menschenrechte achten und Hass, Hetze und Fake News den Riegel vorschieben. Und es braucht Parteien, die fest auf dem Boden der Verfassung stehen.
Es braucht Parteien, die wissen – und entsprechend handeln - dass die AfD keine Oppositionspartei wie jede andere ist: weil sie sich in den letzten Jahren so radikalisiert hat, dass sie sich in vielen Teilen außerhalb des demokratischen Spektrums bewegt. Und es braucht Organisationen und Vereine, die sich für die plurale, liberale Demokratie engagieren. Hier sage ich ganz deutlich: Diese Organisationen und Vereine dürfen nicht eingeschüchtert werden. Ganz im Gegenteil, wir müssen ihren Einsatz für unserer Demokratie wertschätzen. Wir müssen dankbar sein. Sie müssen finanziell und ideell unterstützt werden!
Anders als die Demokratiefeinde behaupten, leben wir in einem der friedlichsten, demokratischsten, freiheitlichsten und wohlhabendsten Ländern der Welt. Wir wissen, wie die Alternative dazu aussieht: Denn wir sehen sie in der Gegenwart, wir sehen sie in Ungarn, in Russland und in den USA. Und wir sehen sie in der eigenen Vergangenheit, in der Zeit des Nationalsozialismus und seiner langwierigen und lückenhaften Aufarbeitung. Die Erinnerungen daran sind deshalb kein Blick zurück. Sie sind ein informierter Blick nach vorn!
Diese Erinnerungen sind nicht leicht. Letztendlich jedoch können wir Kraft daraus schöpfen, was aus unserem Land in den letzten 80 Jahren geworden ist. Zu dieser Kraftquelle gehören für mich all die engagierten Menschen, die sich für ein gutes gesellschaftliches Miteinander einsetzen und damit ein wichtiger Pfeiler unserer Demokratie sind.
Meine Damen und Herren,
es gibt ein Projekt von ZEIT Online namens „Plan D“. Leserinnen und Leser können dort Beispiele aus ihrem Alltag einreichen. Probleme in Deutschland, die sie beschäftigen und Lösungen, wie sie selbst oder andere dazu beitragen, diese Probleme zu lösen. Zugegeben, bislang wurden über 8.000 Probleme eingereicht und nur über 2.000 Lösungen. Aber die Lösungen sind oft konkreter als die Probleme, konkreter als die diffuse Unzufriedenheit. Und sie machen Lust darauf, auch selbst etwas zu verbessern.
Hier vier Beispiele:
„Ich kommentiere Videos mit Falschinformationen auf Youtube.“
„Gegen die aufgeheizte Stimmung: Ich entferne Aufkleber mit wütenden Parolen im öffentlichen Raum.“
„Ich leite eine Politik-AG, um Schülern beizubringen, ihre Positionen zu hinterfragen und auszudiskutieren.“
„Ich organisiere seit Jahren ein Straßenfest bei uns. Ergebnis: weniger Streit und mehr Freundschaften unter Nachbarn.“
Nicht alle Lösungsvorschläge haben direkt mit der Demokratie zu tun, aber indirekt, weil sie die demokratiefeindliche Erzählung widerlegen, dass alles nur schlimmer wird.
Es gibt auch Beiträge wie den vom 21. Februar 2024. Er lautet sehr direkt und mutmachend: „Ich engagiere mich bei den „Omas gegen Rechts“.
Sie, liebe Frau Ohnweiler, sagen selbst, dass Sie 2018 einfach mal gemacht haben. Sie haben einfach mal eine Facebook-Gruppe gegründet und damit eine bundesweite Bewegung für unsere Demokratie ausgelöst.
Sie, lieber Herr Hartleitner, haben unter anderem die Gründung des Arbeitskreises Weiße Rose initiiert. Ein Arbeitskreis, der erinnert, der sichtbar macht: So erinnert seit 2018 auf dem Weiße-Rose-Platz in Crailsheim ein Denkmal an das Wirken von Hans Scholl und Eugen Grimminger.
Ich freue mich sehr, dass Sie beide – liebe Frau Ohnweiler und lieber Herr Hartleitner, heute mit dem Scholl-Grimminger-Preis der Stadt Crailsheim ausgezeichnet werden. Sie beide haben diese Auszeichnung wirklich sehr verdient.
Ich wünsche Ihnen viel Kraft und Rückhalt für Ihr weiteres Engagement. Engagierten Menschen wie Ihnen muss unser aller Unterstützung gelten.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Hans Scholl bezahlte seinen Einsatz für Freiheit und Menschlichkeit mit seinem Leben. Eugen Grimminger überlebte. Mit Kriegsende wurde er aus dem Zuchthaus in Ludwigsburg befreit. Zeit seines Lebens fühlte er sich dafür schuldig, dass er, der so viel getan hatte, nicht mehr hatte tun können. Er, der die Aktionen der Weißen Rose maßgeblich finanziert hatte, der die jungen Aktivistinnen und Aktivisten beriet und unterstützte, der Menschen zur Flucht über die Schweiz verholfen hatte, unter anderem zwei Schwestern seiner Frau. Dass er seine eigene Frau nicht hatte schützen können, daran litt er sein ganzes Leben. 1943 war Jenny Grimminger in Auschwitz ermordet wurden.
Für das Ehepaar Grimminger sind Stolpersteine im Stuttgarter Süden verlegt. Eugen Grimmingers Büro als Buchprüfer hatte sich von 1937 bis 1943 in der Innenstadt befunden, in der Tübinger Straße 1, im zweiten Stock. Das Haus steht heute noch. Es gehört immer noch derselben Familie. Es ist ein Baudenkmal. Im Jahr 2000 stand dort ein Mieterwechsel an. Eine Steuerberaterin hatte sich gerade selbstständig gemacht und bezog dort, zuerst im ersten, dann im zweiten Stock, ihr Büro.
Ein Jahr zuvor war sie, Tochter alevitischer Kurden, die ohne ein Wort Deutsch zu sprechen 1978 nach Deutschland gekommen war, in den Stuttgarter Gemeinderat gewählt worden. Die fremdenfeindlichen Gewalttaten und die rassistischen Angriffe auf Geflüchtete und Migranten Anfang der 90er Jahre hatten sie politisiert. Auf einmal schienen die freiheitlichen Werte in Deutschland in Gefahr. So wie auch heute wieder. Diese Steuerberaterin bin ich selbst.
Der Einsatz für Freiheit, Demokratie, eine aktive Erinnerungskultur und gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung sind meine Leit- und Lebensthemen. Sie können sich vorstellen, wie demütig es mich macht, ein Büro im selben Haus und auf demselben Stockwerk wie damals Eugen Grimminger zu haben. So wie sie in Crailsheim auf Wegen gehen, die Hans Scholl und Eugen Grimminger beschritten haben. Ihr Engagement, das Engagement der Stadt Crailsheim in der Gedenk- und Erinnerungsarbeit, ist wirklich vorbildlich.
Auch Dank vieler engagierter Menschen aus der Stadtgesellschaft. Vielen Dank an Sie alle, für diesen Einsatz für unsere demokratische Gesellschaft!
Ganz im Sinne von Eugen Grimminger. Als er nach dem Krieg für den Stuttgarter Gemeinderat kandidierte – obwohl von Leid und Schmerz gezeichnet – sagte er: „Mir geht es aber darum, eine Erneuerung des Politischen und Parlamentarischen zu erringen. Es soll das Vereinigende höhergestellt werden und nicht das Trennende!“
Vielen Dank.