Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Gebhard Müller

Verfolgung
1935
Müller ist Amtsrichter in Göppingen. Die dortige Polizei will in einem gerichtlichen Verfahren die Göppinger Handelsgesellschaft Staufia zwingen, den Namen der jüdischen Besitzer in die Gesellschaftsbezeichnung mit aufzunehmen, um so den »jüdischen Charakter« der Firma sichtbar zu machen. Müller entscheidet 1935 als Amtsrichter zugunsten der Handelsgesellschaft. Nach der Urteilsverkündung droht ihm deshalb Göppingens Polizeidirektor Wilhelm Oesterreicher mit Verhaftung.
09.11.1938
Als am Abend des 9. November 1938 die Synagoge von Göppingen in Brand gesteckt wird, fordert Müller die Feuerwehr, die Polizei und den Landrat auf, mit den Löscharbeiten zu beginnen. Als diese sich weigern, erstattet Müller am nächsten Tag bei der Polizei Anzeige gegen unbekannt wegen unterlassener Hilfeleistung. In der Folge wird Müller zum 1. Januar 1939 an das Amtsgericht Stuttgart versetzt.
Biografie
Gymnasium in Ludwigsburg
1914
Progymnasium in Rottenburg
1915
Gymnasium und Konvikt in Rottweil
Juli 1918
Kriegs- bzw. Militärdienst
1919
Studium in Tübingen und Berlin, zunächst der Katholischen Theologie, Philosophie und Geschichte, ab 1922 der Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft
1926
Erste juristische Staatsprüfung
1926
Referendar in Ludwigsburg und Stuttgart
1929
Zweite juristische Staatsprüfung und Promotion in Tübingen
1929
Assessor und stellvertretender Amtsrichter in Stuttgart und Tübingen
1930
Rechtsrat beim Bischöflichen Ordinariat und Diözesanverwaltungsrat in Rottenburg
Vorsitzender der Zentrumspartei für die Stadt und den Bezirk Rottenburg
1933
Amtsrichter in Waiblingen
1934
Amtsrichter in Göppingen
Januar 1939
Amtsrichter in Stuttgart
Juli 1939
Landgerichtsrat in Stuttgart
August 1939
Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg, Teilnahme am Frankreichfeldzug
1944
Erneut Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg, stationiert in Rottweil und Berlin
1945
Vorübergehend in französischer Kriegsgefangenschaft
1945
Oberstaatsanwalt, Ministerialrat und Ministerialdirektor in Württemberg-Hohenzollern
1947
Landesvorsitzender der CDU in Württemberg-Hohenzollern
August 1948
Staatspräsident von Württemberg-Hohenzollern
September 1953
Ministerpräsident von Baden-Württemberg
1959
Präsident des Bundesverfassungsgerichts
1972
Honorarprofessor an der Universität Tübingen
Rezeption
1953
Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
1954
Ehrendoktor der Universität Freiburg im Breisgau
1954
Ehrenzeichen des Deutschen Roten Kreuzes
1965
Verfassungsmedaille des Landes Baden-Württemberg in Gold
1972
Ehrendoktor der Universität Tübingen
Großkreuz des Päpstlichen Pius-Ordens
Großoffizier der Französischen Ehrenlegion
Ehrenbürger der Stadt Stuttgart
Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
1977
Bayerischer Verdienstorden
Literatur
Kurt Gayer: Gebhard Müller. Ministerpräsident von 1953-1958, in: Die Villa Reitzenstein und ihre Herren, hrsg. von Kurt Gayer, Heinz Krämer, Georg F. Kempter, Stuttgart 1989, S. 169-185.
Günter Buchstab: Gebhard Müller, in: Zeitgeschichte in Lebensbildern, 8, 1997, S. 247-263.
Frank Raberg: Gebhard Müller. Staatsmann zwischen Rumpfland und Länderneugliederung, in: Zeitschrift für hohenzollerische Geschichte, 34, 120, 1998, S. 43-59.
Paul Feuchte: Gebhard Müller, in: Baden-Württembergische Biographien, 2, 1999, S. 324-332.
Gerhard Taddey: Gebhard Müller. Ein Leben für das Recht und die Politik, Stuttgart 2000.
Kurt Hochstuhl (Bearb.): Gebhard Müller 1900-1990. Christ - Jurist - Politiker, Stuttgart 2000.
Paul Kopf: Gebhard Müller. Ein christlicher Politiker aus Leidenschaft, in: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte, 20, 2001, S. 269-287.
Martin Schumacher: Gebhard Müller. Ein Nachlass, zwei Findbücher und keine Biographie, in: Der Archivar, 54, 2001, S. 40-41.
Weik 2003, S. 104.
Frank Raberg: Gebhard Müller, in: Politische Köpfe aus Südwestdeutschland, hrsg. von Reinhold Weber, Stuttgart 2005, S. 277-287.
Paul-Ludwig Weinacht: Politische Kultur am Oberrhein, Karlsruhe 2012, S. 132-146.