Josef Schneider

Verfolgung
16.06.1933
Schneider ist Bürgermeister in Rottenburg. Um seiner Absetzung durch die NS-Behörden und einer möglichen Inhaftierung zuvorzukommen, reicht er am 16. Juni 1933 seinen Rücktritt ein.
1933
Die NS-Behörden entziehen Schneider 1933 seinen Pass.
21.04.1938
Schneider wird am 21. April 1938 nach seiner Teilnahme an einer Demonstration zugunsten des Bischofs Joannes Baptista Sproll von NS-Anhängern überfallen und zusammengeschlagen.
23.04.1938
Um einer gerüchteweise bevorstehenden Verhaftung durch die Gestapo zu entgehen, taucht Schneider am 23. April 1938 unter. Zunächst geht er zu Bekannten nach Spaichingen, später dann nach Heidelberg. Nach einigen Wochen kehrt Schneider nach Rottenburg zurück.
nach 20.07.1944
Nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 befürchtet Schneider, verhaftet zu werden. Er verlässt deshalb Rottenburg und taucht vorübergehend unter. In der Folge wird die Wohnung der Familie Schneider mehrfach von den NS-Behörden durchsucht.
17.04.1945
Am 17. April 1945, kurz vor dem Einmarsch der französischen Armee, wird Schneider gewarnt, dass der Kommandant des Rottenburger »Volkssturms« Schumacher beabsichtigt, ihn hängen zu lassen. Schneider flieht deshalb und ist nicht zu Hause, als ein Volkssturm-Angehöriger ihn am 18. April 1945 abholen will.
Biografie
1899
Volksschule in Rottenburg
1903
Progymnasium in Rottenburg
1910
Gymnasium in Tübingen
1912
Studium der Rechtswissenschaften an den Universitäten Tübingen und Berlin
Mitglied der Studentenverbindung Alamannia Tübingen
1914
Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg
1919
Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Tübingen
1919
Erste Staatsprüfung für den höheren Justizdienst in Tübingen
1923
Zweite Staatsprüfung für den höheren Justizdienst in Stuttgart
1923
Bürgermeister in Rottenburg
nach 1933
Finanzrat im Bischöflichen Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart (Schneider vertritt das Ordinariat bei Steuerprozessen, die auf die Enteignung von Kirchenbesitz abzielen.)
11.03.1933
Schneider veröffentlicht am 11. März 1933 in der Rottenburger Zeitung ein »Ergebenheitstelegramm« an den vom NS-Regime abgesetzten Staatspräsidenten Eugen Bolz: » Es ist mir ein Herzensbedürfnis, Sie in diesen bewegten Tagen der herzlichsten Treue und Anhänglichkeiten Ihrer Heimatstadt zu versichern. Was Sie dem Lande Württemberg waren, steht in seiner Geschichte und kann nicht niedergeschrieben werden.«
Oktober 1939
Schneider erfährt im Oktober 1939 vom Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Liebenau von bevorstehenden Euthanasie-Morden seitens des NS-Regimes, schenkt dieser Warnung aber keinen Glauben.
1941
Schneider unterstützt den arbeitslosen Rottenburger Josef Eberle und dessen jüdische Ehefrau Else (geb. Lemberger) mit Lebensmittelmarken und nimmt sie mehrfach in seinem Haus auf. Als die Deportation Else Eberles droht, hilft Schneider dem Paar im Januar 1945 bei der Flucht.
nach 1945
Mitbegründer der CDU Rottenburg
1947
Bürgermeister von Rottenburg
Mitglied des Stadtrats in Rottenburg
Mitglied des Kreistags Tübingen
Rezeption
1949
Ehrenbürger der Stadt Rottenburg
Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
Literatur
Ludwig-Uhland-Institut der Universität Tübingen (Hrsg.): Nationalsozialismus im Landkreis Tübingen. Eine Heimatkunde, Tübingen 1988, S. 284.
Fritz Holder: Seine Fahne hing nie im Wind. Josef Schneider, in: Jahresbericht der Großen Kreisstadt Rottenburg, 1992, S. 5-6.
Weik 2003, S. 134.
Paula Kienzle: Spuren sichern für alle Generationen. Die Juden in Rottenburg im 19. und 20. Jahrhundert. Münster 2008, S. 448-449.
Carmen Eberhart: Eine unvollständige Rottenburger Chronik, in: Rottenburg im Nationalsozialismus. Von der Machtergreifung zum Kriegsbeginn 1933-1939, Der Sülchgau, 52/53, 2009, S. 17.
Peter Ehrmann: »Nicht groß verändert und doch verändert«. Rottenburg 1933, in: Rottenburg im Nationalsozialismus. Von der Machtergreifung zum Kriegsbeginn 1933-1939, Der Sülchgau, 52/53, 2009, S. 28-45.