Ingeborg Schäffler-Wolf: Textilgrafiken

Textilgrafiken „Textil und Metall doppelt überlagert“ und „Textil über Metall“ von Ingeborg Schäffler-Wolf

Textilgrafiken „Textil und Metall doppelt überlagert“ und „Textil über Metall“ von Ingeborg Schäffler-Wolf

Ingeborg Schäffler-Wolf (1928–2015)

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs stand Ingeborg Schäffler-Wolf am Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter. Wie viele Angehörige ihrer Generation hatte sie eine Sozialisation durchlaufen, die von der nationalsozialistischen Ideologie geprägt war. Der Regimewechsel bedeutete für sie die Öffnung neuer Ausbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten im kulturellen Neuanfang der Nachkriegszeit.

Geboren 1928 in Heilbronn, besuchte sie zunächst die regulären Schulformen des NS-Staates. 1944/45 absolvierte sie das sogenannte „Pflichtjahr“, einen für junge Frauen obligatorischen Arbeitsdienst, der Teil der nationalsozialistischen Arbeits- und Erziehungspolitik war. Eine freiwillige ideologische Positionierung ist daraus nicht abzuleiten.

Unmittelbar nach Kriegsende setzte Schäffler-Wolf ihre Ausbildung fort. 1946 trat sie in die wiedereröffnete Frauenarbeitsschule in Heilbronn ein, wo sie textile Grundkenntnisse erwarb. Es folgte im Juni 1947 ein halbjähriges Praktikum in der Mechanischen Weberei Gebrüder Mogler in Heilbronn. Im Februar 1948 begann Wolf eine Lehre in der Handweberei Dollmann in Aldingen, die von Unterrichtseinheiten an der Webschule Sindelfingen begleitet wurde. Mit bestandener Aufnahmeprüfung an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künstle löste Wolf jedoch das Lehrverhältnis, um sich ganz dem Kunststudium in Stuttgart zuzuwenden. 

Dieser Schritt markiert einen deutlichen Übergang: Die zuvor durch NS-Institutionen geprägte Ausbildung wurde nun durch ein Umfeld ersetzt, das sich programmatisch von den ästhetischen und ideologischen Vorgaben der Diktatur distanzierte. Prägend wurde insbesondere der Unterricht bei Willi Baumeister, der während des Nationalsozialismus als „entartet“ diffamiert worden war und nach 1945 für einen künstlerischen und moralischen Neuanfang stand. Unter seinem Einfluss entwickelte Schäffler-Wolf eine abstrahierende Formensprache und experimentierte mit Materialien und Techniken. Ihre Ausbildung umfasste neben Weberei und Stoffdruck auch Malerei, Mosaik und Sgraffito.

Bereits in den frühen 1950er Jahren erzielte sie erste Erfolge, etwa 1952 bei der Düsseldorfer Ausstellung Eisen und Stahl. Eine Studienreise in die USA und ein Aufenthalt an der Art Students League in New York, einem Zentrum der modernen amerikanischen Kunst, erweiterten ihren künstlerischen Horizont erheblich. 

Seit den 1960er Jahren findet sich das gestische Element in ihren Arbeiten. Ihr wachsendes Renommee wurde vom politischen Willen der Nachkriegszeit zur Wiederentdeckung des Bauhauses begünstigt. Auch die neue und moderne Bildwirkerei aus Frankreich unter Jean Lurçat forcierte eine Avantgarde in der Textilkunst in Deutschland.

1961 erhielt Schäffler-Wolf den Preis der Henry-van-de-Velde-Gesellschaft des Osthaus-Museums in Hagen, 1968 den Ersten Preis der Landesgirokasse Stuttgart, 1978 den Anerkennungspreis des Landes Baden-Württemberg. Diverse öffentliche Aufträge nahm die vorrangig freischaffende Künstlerin an, u. a. für die Deutsche Botschaft in Teheran oder für das Goethe-Institut in London. Hierzu zählt auch der Auftrag von 1989, zwei Tapisserien für den Empfangsraum des Präsidenten des Landtags von Baden-Württemberg zu schaffen, die diagonal versetzt im Raum als dialogische Situation avisiert wurden. Heute hängen die beiden Arbeiten mit dem Titel Wie wenn am Feiertage, das Feld zu sehn/ Ein Landmann geht, II nebeneinander in der Wandelhalle, in einer Nische gegenüber dem Moser-Saal. Der Werktitel der mehrschichtigen Seidenwirkerei über Stahl wurde von einer der großen Hymnen Friedrich Hölderlins aus der Sattelzeit inspiriert: Sie gilt als poetisches Manifest, wenn auch unvollendet.