Jean Lurçat: Wandteppich „Apollinaire“

Wandteppich „Apollinaire“ von Alice und Pierre Pauli (Entwurf von Jean Lurçat)

Wandteppich „Apollinaire“ von Alice und Pierre Pauli (Entwurf von Jean Lurçat)

Jean Lurçat (1892–1966)

Mit der Befreiung Frankreichs 1944/45 von der deutschen Besatzung gewann Jean Lurçat an künstlerischem Einfluss und Ansehen. Anders als viele Künstler, die sich während der Besatzung kompromittiert hatten, konnte er auf eine vielfach belegte Beteiligung am Widerstand verweisen. Diese Haltung verschaffte ihm nicht nur moralisches Kapital, sondern auch institutionellen Einfluss im kulturellen Wiederaufbau. Bereits kurz nach Kriegsende gründete er mit anderen Künstlerinnen und Künstlern eine Vereinigung der Entwurfszeichner und Maler für Tapisserien (Association des Peintres-Cartonniers de Tapisserie) und wurde zu deren Präsidenten gewählt. Große Ausstellungen, etwa 1946 im Musée National d’Art Moderne in Paris, festigten seinen Rang als zentrale Figur der modernen Tapisserie, worunter man kunstvoll gewebte Textilbehänge versteht. Sein Beitrag, die 1960/61 geschaffene Tapisserie „Apollinaire“, kam auf Empfehlung von Jan Lauts, dem Direktor der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, in die Endauswahl des Ausschusses für die künstlerische Ausgestaltung des Landtagsgebäudes. Neben dem Friedrich-Ebert-Saal ziert sie das Obergeschoss des Landtagsgebäudes. 

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg war Lurçat international etabliert. Nach einem abgebrochenen Medizinstudium hatte er sich früh der Kunst zugewandt, bewegte sich in den Pariser Avantgardekreisen und experimentierte mit Grafik, Malerei und Literatur. Seit den 1920er Jahren widmete er sich verstärkt der Tapisserie, die er formal und inhaltlich erneuerte. Seine Arbeiten wurden in Europa und den USA ausgestellt; staatliche Aufträge, etwa für die Gobelin-Manufaktur, dokumentieren seine Anerkennung im offiziellen Kulturbetrieb. Politisch näherte er sich in den 1930er Jahren linken Intellektuellenkreisen an, unter anderem im Umfeld der Vereinigung revolutionärer Schriftsteller und Künstler (Association des écrivains et artistes révolutionnaires). Diese Orientierung bildete einen wichtigen Hintergrund für sein Verhalten während der Besatzungszeit.

Nach der deutschen Besetzung Frankreichs 1940 blieb Lurçat künstlerisch tätig. Die Produktion von Tapisserien war durch Materialknappheit erschwert, doch entstanden weiterhin Entwürfe, teils in Zusammenarbeit mit etablierten Künstlern wie André Derain und Raoul Dufy. Ein Rückzug aus dem öffentlichen Kunstbetrieb ist nicht zu erkennen. Gleichzeitig verlagerte sich sein Lebensmittelpunkt 1941 in den Süden Frankreichs.

Im Département Lot schloss sich Lurçat der kommunistisch geprägten Résistance an. Gemeinsam mit Persönlichkeiten wie Jean Cassou und Tristan Tzara beteiligte er sich an kulturellen und publizistischen Aktivitäten des Widerstands. Konkrete Beispiele verdeutlichen diese Haltung: Der Teppich Liberté von 1943, entstanden nach der Verhaftung seines Partners François Tabard, greift Paul Éluards gleichnamiges Gedicht auf und artikuliert symbolisch den Widerstand gegen Unterdrückung. Noch deutlicher wird sein Engagement 1944, als er in die Kommission zur Befreiung von Lot (Comité départemental de libération du Lot) berufen wurde. In dieser Funktion leitete er die Wochenzeitung „Liberté“ sowie die Untergrundpublikation „Les Étoiles du Quercy“ und war damit unmittelbar an der Organisation und Verbreitung widerständiger, teils kommunistisch geprägter Propaganda beteiligt.

Hinweise auf eine Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzungsbehörden oder dem Vichy-Regime sind nicht überliefert. Gleichwohl blieb Lurçat während der frühen Besatzungsjahre künstlerisch präsent, was als Form pragmatischer Anpassung an die Arbeitsbedingungen gedeutet werden kann. Eine eindeutige politische Positionierung ist erst ab 1941/42 klar fassbar.

In der Nachkriegszeit verband Lurçat seine künstlerische Arbeit mit pazifistischen Botschaften. Werke und Texte beziehen sich auf Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts von Verdun bis Hiroshima, ohne jedoch nationale Schuldzuweisungen in den Vordergrund zu stellen.